Ich, der Dämon – Über die Dämonisierung und Stigmatisierung von Borderline-Patient:innen

2 Prozent der Weltbevölkerung erfüllen die diagnostischen Kriterien einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. 2 Prozent der Weltbevölkerung werden aufgrund ihrer Symptome dämonisiert.

Stigma: Unter einem Stigma wird ein negativ bewertetes Attribut verstanden, durch welches der Träger von normativen Erwartungen abweicht und welches ihn in den Augen anderer derartig diskreditiert, dass er seinen Anspruch auf gesellschaftliche Gleichberechtigung verliert.

Ich habe Borderline. Ich bin manipulativ, böse und gefährlich. Ich behandle Menschen wie Spielzeuge und sobald sie mich langweilen, lasse ich sie fallen. Genau darum hält es niemand lange mit mir aus. Wie denn auch? Ich bin ein schlechter und aggressiver Mensch. Jobs, Hobbies und Beziehungen wechsle ich wie Unterwäsche, denn ich verliere an allem schnell das Interesse und bin schlichtweg unzuverlässig und egoistisch. Ich mache mir die Welt wie sie mir gefällt und alle anderen sollen gefälligst nach meiner Pfeife tanzen, sonst bekommen sie meine Launenhaftigkeit zu spüren. Jeder der mir zu nahe kommt, wird bereuen meine Bekanntschaft gemacht zu haben.

Und all das lässt sich leider nicht ändern. Ich wurde böse geboren und bin untherapierbar. Die beste Lösung für alle Beteiligten ist es, mir fern zu bleiben.

Naja, so oder so ähnlich, sehen mich viele Menschen, denen ich sage, dass ich an Borderline leide.

In Wahrheit bin ich seit über 6 Jahren in einer fürsorglichen und gesunden Beziehung mit einem Mann, der mir immer wieder sagt, es wäre unmöglich mich nicht zu lieben. Ich habe einige gute Freunde, viele davon schon seit mehreren Jahren, die hinter mir stehen und mir gerne ihre Hilfe anbieten, wenn ich sie brauche. Seit 5 Jahren studiere ich mit Eifer und Freude Psychologie und gehe seit genau so vielen Jahren einem Nebenjob nach, der mir unheimlich Spaß macht. Ich habe eine erfolgreiche Therapie hinter mir, die mir geholfen hat, meine Symptomatik einzudämmen, Stimmungsschwankungen in den Griff zu bekommen und Beziehungen aufrechtzuerhalten. Ich bin ein stinknormaler Mensch, der weiterhin jeden Tag an sich selbst und seiner psychischen Störung arbeitet.

Doch diese Störung wird stark stigmatisiert.

Die emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ (BPS) ist durch eine Instabilität von Emotionen, Stimmungen, der Identität und zwischenmenschlichen Beziehungen gekennzeichnet.

Früher existierten für mich nur Extreme, alles war schwarz oder weiß, großartig oder desaströs. Mein Leben war eine einzige endlose Achterbahnfahrt. Ich saß angeschnallt da, fuhr auf und ab und auf und ab und konnte nichts dagegen tun. Ich konnte die Fahrt nicht steuern. Ich war in der Lage innerhalb einer Stunde das komplette Emotionsspektrum zu durchleben. Oftmals waren es Wut und Aggression, die überwogen.

Ich fühlte mich oft dazu gezwungen mich meinen immensen Gefühls- und Stimmungsschwankungen hinzugeben und litt aufgrund dessen unter heftigen Anspannungszuständen, die für mich oft extrem qualvoll und kaum auszuhalten waren. Sie verleiteten mich dazu Dinge zu tun, die meinem Körper, meinen Beziehungen und meinem Lebensweg schadeten, um die innere Spannung abzubauen.

In Zeiten hoher Symptomatik machte ich deshalb ständig Erfahrungen mit irrationalen Wutausbrüchen und paranoiden Wahnvorstellungen, unter denen besonders Lebenspartner und Freund:innen stark litten.

In diesen zwischenmenschlichen Beziehungen beherrschten die absolute Panik vor dem Verlassenwerden (mit Selbstmorddrohung bei Verlustängsten) und widersprüchlich dazu, die große Angst vor emotionaler Nähe mein Handeln. Im Umgang mit anderen Personen war und bin ich oft sehr unsicher. Es fällt mir nicht leicht einzuschätzen, wie ich auf andere Menschen und meine Umgebung wirke. Ob ich etwas Richtiges oder Falsches sage und vielleicht sogar jemanden verletze, merke ich kaum.

Diese ganzen Symptome und Verhaltensweisen sind typisch für Personen mit Borderline. Doch BPS ist, wie bereits erwähnt, ebenfalls durch etwas anderes besonders gekennzeichnet: Stigmatisierung, die sich fast nach Dämonisierung anfühlt.

In vielen Fällen können Freunde und Familie nicht einschätzen, was die Erkrankung für die Betroffenen wirklich bedeutet. Sie leiden unter dem schwierigen und chaotischen Verhalten der Borderliner:innen, fühlen sich durch ihre ungerechtfertigten Hasstiraden und Wutanfälle verletzt, können dem Hin und Her ihrer Gefühle nicht folgen und werden abwechselnd geliebt und abgelehnt. Die fortwährenden „Dramen“ und das selbstzerstörerische Verhalten sind für das Umfeld so unverständlich, dass die Erkrankten mit dem Stigma „Vorsicht: gefährlich!“ versehen werden. Die innere Wirklichkeit der Betroffenen wird nicht gesehen, die spürbaren Konsequenzen ihrer internen Zerrissenheit werden umso mehr wahrgenommen. Die Gründe für toxische Verhaltensweisen können nicht ausgemacht werden und werden deshalb der Persönlichkeit und dem Menschen an sich, und nicht der dahinterliegenden neurologischen/psychischen Störung zugeschrieben.

Obwohl Mental Health Unterstützer:innen aktiv gegen die Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen kämpfen, bleibt die Borderline-Persönlichkeitsstörung eine missverstandene, oft falsch diagnostizierte und vorurteilbehaftete Störung.

Selbst mein Psychiater riet mir damals bei der Suche nach einer neuen Therapiestelle, nachdem ich zu alt für die Jugendlichenpsychotherapie wurde, am Telefon erstmal nicht zu erwähnen, dass ich Borderline habe. Ich würde es sonst schwer haben überhaupt ein Erstgespräch zu bekommen.

Denn bei vielen niedergelassenen Psychotherapeut:innen gelten Borderliner:innen als schwierig. Oft schlagen ihnen daher nicht nur von ihrer Familie oder ihren Freunden heftige negative Reaktionen entgegen, sondern sie müssen auch bei der Suche nach Therapeut:innen viele Absagen einstecken. Mit dieser Ablehnung umzugehen, ist alles andere als einfach. Einige Psychotherapeut:innen reagieren bereits auf den Anruf von Borderliner:innen mit einer unmissverständlichen Absage, andere verpassen ihnen Label wie „untherapierbar“ und „unsympathisch“.

Ich selbst machte mir vorrangig in meinem Praktikum an einer psychosomatischen Klinik ein Bild von der starken Stigmatisierung der Borderliner:innen im medizinischen Bereich. Im Pausenraum wurde regelmäßig abfällig über eben diese Patient:innen gesprochen. Anstatt den betroffenen Person helfen zu wollen, wurden oftmals Pläne geschmiedet, um Borderline:Patientinnen auf andere Abteilungen „abzuschieben“. Ich selbst traute mich nie etwas zu sagen, ich senkte stets meinen Kopf und betete, dass die Pause bald vorbei ging. Die Diskriminierung, die dort stattfand, richtete sich nie gegen mich, da meine Kolleg:innen nichts von meiner Störung wussten, doch sie tat trotzdem weh.

In Notaufnahmen und Arztpraxen erlebte ich jedoch Diskriminierung, die sich sehr wohl gegen mich richtete. Es gab eine Hausärztin, die mir riet meine Narben übertätowieren zu lassen, da sie ja ganz schrecklich aussehen würden. Und bei der Plasmaspende fragte die Ärztin, die untersuchte ob ich Plasma spenden dürfe, ob ich denn eine Gefahr für die anderen Spender:innen darstellen würde.

Als ich wegen einer Verletzung in die Notaufnahme musste, blickte man mir kaum in die Augen und sprach über meinen Kopf hinweg. Eine Schwester kam zu mir und fragte kalt „Borderlinerin?“ und griff bevor ich antworten konnte nach meinem Armen, schaute auf meine Narben, ließ meine Arme fallen und drehte sich ohne ein weiteres Wort von mir weg.

Man gab mir das Gefühl, den Notärzt:innen durch meine Selbstverletzung ihre Zeit zu stehlen. Ich fühlte mich wie eine Belastung, wie eine Patientin, die man einfach abarbeitet und so schnell es geht wieder wegschickt. Also ging ich danach mit SVV-Verletzungen nie wieder in die Notaufnahme.

Auch Studienergebnisse zu dem Thema bestätigen die starke Stigmatisierung, die ich selbst oft wahrnehmen musste, und verweisen vor allem auf die Rolle sichtbarer Krankheitsanzeichen auf das Risiko, stigmatisierenden Umweltreaktionen ausgesetzt zu sein. Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung scheinen leider zu den «Diskreditierten» zu gehören, denen wichtige Coping-Strategien wie Geheimhaltung oder selektive Vermeidung nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Betroffene können durch ihre Impulsivität und durch die fehlende Kontrolle ihrer Emotionen nicht verstecken wer sie sind. Sie können ihre Störung nicht verheimlichen und Vorurteilen somit nicht ausweichen.

Werden besonders Patient:innen mit einer Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ durch das psychiatrische Pflegepersonal stigmatisiert? (Breneise et al.)

Im Jahr 2020 führten Breneise et al. eine Studie durch, in welcher die Einstellungen des psychiatrischen Pfegepersonals zu Patient:innen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) (im Vergleich zu Patient:innen mit Depression) untersucht wurden. Pflegekräfte wurden angewiesen ihre persönlichen Einstellungen, ihr Gefühl von Distanz sowie ihre Emotionen zu Borderline-Patient:innen (oder depressive Patient:innen) anzugeben. Die Ergebnisse dieser Studie legten dar, dass Patient:innen mit BPS im Vergleich zu depressiven Patienten stärker abgewertet und negativer beurteilt werden.

Strategien zur Stigmabewältigung von Menschen mit Schizophrenie und Borderline-Persönlichkeitsstörung (Schulze et al., 2010)

Eine weitere Studie verglich die Eigenberichte über Stigmatisierung von Menschen mit Borderline und Menschen mit Schizophrenie. Durch diese Untersuchung wurde deutlich, dass Borderline-Patient:innen sich häufiger (67 %) mit Stigma konfrontiert sehen als schizophren erkrankte Menschen (54 %). Die Patient:innen mit Borderline berichteten, dass sie Stigmatisierung häufig im Zusammenhang mit sichtbaren Zeichen ihrer Erkrankungen (z.B Narben) erlebten und stark darunter litten nur über ihre Krankheit definiert zu werden. Die beiden Patientengruppen mit Schizophrenie und Borderline gaben außerdem an, dass versucht wird, mithilfe von Geheimhaltung und selektiver Vermeidung Stigmatisierungen zu umgehen.

Schlechte und diskriminierende Erfahrungen mit psychologischem Fachpersonal zu machen, ist für Borderliner:innen extrem problematisch, da Betroffene meiner Auffassung nach, unbedingt therapeutische und gegebenenfalls medikamentöse Hilfe brauchen, um ihre Gedanken und Konzepte zu sortieren und eine feste Identität aufzubauen.

Wir kämpfen rund um die Uhr mit der Konstruktion einer stabilen Persönlichkeit, die uns die Impulsivität und Emotionalität der Störung immer wieder einreißt. Wir wissen nicht wer oder wie wir wirklich sind, ändern unser Verhalten und Denkweise täglich und verlieren uns im eigenen Gefühlschaos.

Wie viele andere Borderliner:innen, leide auch ich dadurch stets an einem geringem Selbstwertgefühl. Das Selbstbild bröckelt und der Wechsel zwischen Selbstliebe und Selbsthass erfolgt spontan.

Hört man im Alltag nun Dinge wie „Mit Borderliner:innen möchte ich nichts mehr zu tun haben.“ oder „Ich war mal mit einer Borderlinerin zusammen, die hat mich kaputt gemacht. Nie wieder.“ oder „Mit euch kann man einfach nicht klarkommen.“ hilft es nicht wirklich beim Aufbau eines gesunden Selbstwertgefühls. Im Gegenteil, man fängt an zu denken „Vielleicht bin ich wirklich zerstörerisch, böse und nicht liebenswert.“

Meine Therapeutin half mir das Chaos in meinem Kopf zu ordnen, die fiesen Vorurteile über meine Krankheit auszublenden und toxische Verhaltensweisen sowie Gedanken mit gesunden Alternativen auszutauschen. Sie wusste wie sie mit mir umzugehen hat und das war nicht selbstverständlich.

Psychiatrische und psychologische Fachkräfte, die sich dafür entscheiden Menschen mit BPS zu behandeln, tun es nämlich oft ohne auf Borderline spezialisierte Ausbildung, welches Sitzungen meist frustrierend und ergebnislos für alle Beteiligten macht. Patient:innen fühlen sich dadurch oft missverstanden und verurteilt, während Therapeut:innen sich ohnmächtig fühlen und ratlos zurückgelassen werden.

BPS-Patient:innen werden dadurch schnell als ‚hoffnungsloser Fall‘ gelabelt und von Therapeut:innen fallen gelassen. Gerade wenn das passiert, können Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung, wegen der sich Betroffene überhaupt erst Hilfe gesucht haben, intensiviert werden. Denn wenn Menschen, die extrem unter Verlustängsten leiden, von einer Person fallen gelassen werden, die eigentlich da sein sollte, um ihnen zu helfen, kann es dazu führen, dass diese Menschen noch stärker in die BPS-Symptomatik fallen als vor der Therapie.

Nun habe ich meine Störung mittlerweile sehr gut im Griff. Ich kann sie geheim halten und verstecken, um weniger stigmatisiert zu werden.

Viele meiner Symptome habe ich in den letzten Jahren deutlich abschwächen oder sogar ganz ablegen können.

Doch versteht mich bitte nicht falsch: Auch wenn ich das alles nicht geschafft hätte und immer noch in Zeiten höchster Symptomatik leben würde, wäre ich nach wie vor ein Mensch mit Gefühlen, der Respekt, Liebe und Hilfe verdient hat, wie jeder andere Mensch auch.

Ich bin an einem stabilen Punkt in meinem Leben und genau deshalb, entscheide ich mich dafür, mein Borderline nicht geheim zu halten. Ich möchte öffentlich darüber sprechen und der massiven Stigmatisierung meiner Erkrankung mittels Aufklärung den Kampf ansagen.

Es ist äußerst einfach eine psychische Störung zu dämonisieren und zu entmenschlichen um Mitleid und Empathie für Patient:innen dadurch entbehrlich zu machen. Für unsere Mitmenschen ist es einfach uns zu verlassen oder sich erst gar nicht mit uns einzulassen, wenn man weiß, dass wir ohnehin ‚böse‘ sind und es vielleicht sogar verdienen.

Es ist einfach, uns als ‚manipulativ‘ anzusehen, wenn man die krasse Angst vor dem Alleinsein dahinter nicht sehen kann. Es ist einfach, uns als ‚aggressiv‘ anzusehen, wenn ihr nicht erkennen könnt, dass wir unseren Emotionen hilflos ausgesetzt sind. Und es ist einfach, uns als ‚böse‘ darzustellen, wenn ihr nicht sehen könnt, dass wir lediglich dem Impuls folgen, andere zu verletzen, bevor wir selbst verletzt werden.

Wir führen einen Krieg gegen unseren eigenen Kopf. Leider oft mit Kollateralschaden. Hätten wir selbst die Möglichkeit vor uns wegzulaufen, würden wir es vielleicht sogar genauso tun.

Denn eins könnt ihr uns glauben, wir wären gerne die Dämonen für die man uns hält. Wir wären gerne einfach nur böse, manipulativ, egoistisch und unfähig Gefühle zu empfinden, denn das wäre so viel einfacher für uns. Es würde uns so viel Leid abnehmen.

Doch die Wahrheit ist, wir sind Menschen. Menschen, die lieben und vermissen und fühlen. Oftmals sogar stärker als viele andere Personen. Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Menschen, beeinträchtigt in ihren Beziehungen, ihrem Denken und ihrem Handeln. Aber ansonsten, einfach nur Menschen. Und genau so wollen wir auch behandelt werden.

12 Kommentare zu „Ich, der Dämon – Über die Dämonisierung und Stigmatisierung von Borderline-Patient:innen

  1. Liebe Cassie!

    Wieder ein klasse Text, der mir nach dem Lesen das Gefühl gibt, aus Deinen Augen sehen zu können. Du schilderst vieles so erlebend, statt nur beschreibend, und nimmst mich „mit zu Dir“.

    Ich hoffe, Du machst alles weiter, was Du machst (z. B. Schreiben,Kämpfen, Insta)!

    Liebe, Grüße, Andreas 💚

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  2. Ich musste beim lesen weinen, weil mir so vieles so bekannt ist. Danke für deine Worte und deine Stärke sie auszusprechen. Ich finde es toll was du machst & hoffe noch vieles von dir zu lesen, hören & sehen.🖤

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  3. Hallo Cassandra,
    ich möchte hier aus der Position einer nicht direkt betroffenen (kein Boderline-Patient), aber Mit-Erlebenden aus der 1. Reihe (ein Familien-Mitglied ist Boderline-Patient) eine Frage stellen, die ich im Artikel nicht beantwortet finde.
    Zu dem Verhalten von Fach-Personal möchte ich mich nicht äußern, ich will nur als Laie verstanden werden!
    Sie schreiben, dass die innere Wirklichkeit der Betroffenen nicht gesehen wird, die spürbaren Konsequenzen aber um so mehr wahrgenommen werden.
    Das liegt daran, dass wir nicht in den Kopf der anderen blicken können. Wir können nur am Handeln ablesen, was gerade im Gegenüber vorgeht und Sie schreiben selbst, dass das selbst für den Betroffenen oft nicht nachvollziehbar ist. Mir ist bewußt, dass ein Borderline-Patient nicht böse und zerstörerisch ist, aber er/sie verhält sich oft zerstörerisch. Denn dieses sprunghafte Verhalten ist für den Gegenüber nicht nachvollziehbar. Und wie lange gilt das Argument „Das ist die Krankheit.“, bevor man selbst die dauernden Verletzungen nicht mehr wegstecken kann?
    Sie schreiben, dass selbst die Profis eine Zusatz-Ausbildung für Borderline brauchen, da finde ich es nachvollziehbar, das der durchschnittliche Laie überfordert ist. Das Resultat dieser Überforderung sind dann diese Sprüche/Verurteilungen, die Sie als verletzend und wenig hilfreich empfinden.
    Ich frage mich, und das finde ich im Artikel nicht, ob ein Borderline-Patient merkt, welche Kollateralschäden er/sie (wenn auch unbeabsichtigt) verursacht? Oder fühlt sich das für den/die Betroffenen alles richtig an? Bemerkt ein Borderline-Patient, dass er Freunde verletzt, wenn er sie fallen lässt, weil sie helfen wollten und unbequeme Wahrheiten aussprachen? Erkennt ein Borderline-Patient, dass es extrem widersprüchlich ist, einerseits in der ganzen Community rum zu erzählen, dass die Familie sich überhaupt nicht für den Patienten interessiert und sich nicht kümmert, gleichzeitig aber jegliche Gesprächs-Versuche abblockt? Ich weiß es wirklich nicht und es würde mich doch sehr interessieren.
    Ihren Umgang mit der Krankheit und Ihre Entwicklung finde ich großartig und ich wünsche mir sehr, dass jeder Borderline-Patient die Hilfe bekommt, die er/sie braucht.
    Viele Grüße,
    Maggie

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    1. Wir wissen das. Wir wissen, dass wir andere verletzen und wir leiden darunter. Wir können es bloß schwer kontrollieren.
      Wenn Ihre Angehörige aus einem Impuls heraus erzählt, dass sich niemand für sie interessiert, ist das in dem Moment für sie die Wahrheit. Kommt man allerdings zur Ruhe, bereut man Dinge, die man gesagt oder getan hat sofort.

      Ich glaube, man kann es gut dadurch erklären, dass die meisten Betroffenen BPS Impulsschübe haben. Es ist als hätte man zu viel Alkohol getrunken. Es fühlt sich alles richtig an, sobald man betrunken ist. Wird man nüchtern, sieht man den Schaden, den man verursacht hat. Macht das Sinn?

      Mir ist klar, dass es für Angehörige teilweise schrecklich ist. Ich will das
      nicht herunterspielen.

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      1. Danke für die Antwort! Ich verstehe, dass die fehlende Impulskontrolle es dann auch schwierig macht „zu lernen“, sprich, beim nächsten Impuls eben nicht Gott und der Welt zu erzählen…
        Aber welches Verhalten der Umwelt/der Familie hilft dem Patienten eigentlich? Gut gemeinte Unterstützung wird entweder als Kontrollwahn empfunden oder komplett ignoriert. Zugegeben: wir sind alle keine Menschen, die der Betroffenen nach dem Mund reden. Somit fallen quasi alle Familien-Mitglieder aus ihrem bevorzugten Freunde-Schema raus. Ich finde aber, dass mit kritiklosem Abnicken ihres Lebens niemandem geholfen ist. – Was also könnten wir tun?

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      2. entschuldige, du sprichst von wir, denkst du wirklich, dass das jedem bewusst ist? ich war noch relativ jung und fast 4 jahre mit einem deutlich älteren borderline patienten zusammen und er war schon länger in Therapie als ich alt war, aber er schien nicht an die richtigen therapeuten geraten zu sein, hat quasi all seine verantwortung an andere oder seine krankheit abgegeben, wenn freunde ihn nicht besucht haben oder oder und dann hat er auch noch ganz komische besitzansprüche eben auch an freunde gehabt und ich kann nur von meiner Erfahrung mit ihm sprechen und die war sehr von Manipulation und ungleichen machtverhältnissen geprägt bis hin zu häuslicher gewalt, als auch in der Öffentlichkeit und trotzdem war es so, dass einfaxh niemand! das mal hinterfragt hat, die beziehung ging los mit einem Ultimatum zu ihm und ich habe über 1 1/2 jahre mich nicht getraut mixh von ihm zu trennen, weil ich angst hatte, er wird rückfällig oder wird wieder suizidal und selbst nach der trennung durfte ich mir von freunden und verwandten anhören, wie ich das machen könnte, aber niemand hat mal gefragt warum oder mich dabei unterstützt und ich habe da heute noch schwer drunter zu leiden, er ist mich am beleidigen und dämonisieren, eine sehr gute freundin mit der ich leider lange keinen kontakt hatte, sagte zu mir, sie hat nur gedacht, was für eine bitch. er betreibt victim blaming par excellance, aber so sehr ich vllt unter ihm gelitten habe, wäre der dümmste schluss davon auf andere zu schließen. ich hab viele leute in meinem umfeld mit den verschiedensten psychischen erkrankungen und wenn ich eins bei der beschäftigung mit der Borderline Persönlichkeitsstörung gelernt habe, dann das diese die aller unterschiedlichsten ausprägungen und formen annehmen kann und hinter jeder person steckt eine andere geschichte, z.b. auch meine cousine ist borderline Patientin und es kam leider erst in seiner sehr späten therapie raus, dass ihr vater sie jahrelang als kind sexuell missbraucht hat, sie ist einer der wenigen personen aus meiner familie mit der ich wirklich guten kontakt habe und mich super verstehe. Alleine die Diagnose sagt dir noch nichts über die Persönlichkeit und den Charakter der Person aus und es ist schade, dass menschen andere allein auf grund dessen stigmatisieren. Da es aber wie du ach sagst, super schwierig ist, an vernünftige Therapieplätze zu kommen, ist es leider eine Stigmatisierung, die ja nicht ganz haltlos ist und ich würde mein 14 jähriges ich retrospektiv auch gerne vor dem manipulativen verhalten warnen und darüber zu sprechen, dass borderline Patient:innen manipulierend aggieren können, finde ich trotzdem super wichtig und das ohne sie zu dämonisieren, das große Problem, denke ich, ist ja meist, dass du dich auch selbst manipulierst und dass die meisten das bewusst gar nicht wollen, es unterbewusst(aus verlustängsten oder anderen motiven) aber auch nicht unterlassen können, weil sie sich dem selbst in dem moment vllt gar nicht bewusst sind. Ein anderer, sehr guter Freund ist auch seit kurzer zeit in therapie, die ‚kein täter werden‘ initiative des landes niedersachsen, leider gibt es wenig vergleichbares in Deutschland, aber sie bieten eine anonymisierte anlaufstelle, für menschen mit sexuellen gewaltphantasien und betreiben somit wirklich präventive arbeit, da sonst meist erst verurteilte täter in theeapie gesteckt werden, doch ich denke, viele menschen wollen andere eben nicht verletzten, aber das thema wird lieber totgeschwiegen und menschen mit solchen gedanken dämonisiert, ohne das ihnen vernünf4ige hilfe zur verfügung steht. Hoffentlich werden noch mehr solcher Projekte entstehen und danke dir, für den Einblick in deine Geschichte, den du uns gewährt hast und ich hoffe es wird in Zukunft mehr gute Therapeut:innen geben, die sich diesem Thema widmen, den jede/r hat eine unverurteilende therapie verdient, menschen haben vllt böse gedanke und daraus folgen unter umstände böse Taten, aber niemand ist grundsätzlich böse, wenn dieses binäre ding, Taten, Personen, sachen in gut und böse einzuteilen nicht eh längst hinfällig ist. Und nochmal danke, danke das du mehr awareness schaffst und deinen teil zur überwindung dieser vorurteile beiträgst!

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  4. Liebe Cassandra,

    vielen Dank für den doch recht emotionalen Artikel über BPS von dir. Sehr gut gefällt mir die positive Selbstbeschreibung am Anfang des Artikels. Die Adjektive böse und gefährlich treffen auf Cassandra sicher nicht zu und sind wohl eher der Dramaturgie des Artikels geschuldet. Manipulativ, jede Form der Kommunikation ist auch Manipulation. Im weiteren Verlauf beschreibt sie die Symptomatik recht deutlich und das ist ja auch der Sinn des Artikels. Für mich ist sei eine Persönlichkeit die es schaft etwas weiter über den Horizont hinauszublicken und ich freue ich mich Cassandra im weiteren Sinne zu meinen FreundInnen zählen zu können.

    Liebe Grüße Horst

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  5. Liebe Cassandra,

    vielen Dank fuer die Arbeit, die du leistest, um die Stigmtisierung von BPS-Betroffenen zu bekaempfen. Ich persoenlich bin eher der Typ „quiet“ BPS und internalisiere meinen Schmerz mehr, als ihn nach aussen zu tragen und dennoch fuehle ich mich vor allem von Psychologen und anderen Menschen im Gesundheitswesen vorverurteilt, voellig unabheangig von meinem Verhalten. Es ist unglaublich schwer an Hilfe zu kommen und bei aller Reflektion glaube ich nicht daran, selbst (ohne Hilfe) an einen Punkt kommen zu koennen, an dem die Stoerung nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Ein weiteres Problem ist, dass dieses existierende Stigma oft dazu fuehrt, dass Menschen wie ich uebersehen werden, weil wir uns vielleicht nicht „typisch“ verhalten und daher oft als „nicht krank genug“ angesehen werden. Die Menschen haben also entweder Angst vor dem Label oder sie gehen ggf. von einer Fehldiagnose aus…

    Es freut mich allerdings sehr zu lesen, dass du deine Symptomatik so gut im Griff hast. Ich hoffe, dass ich irgendwann auch an den Punkt komme. Bleib stark! Deine Texte sind unheimlich inspirierend und bewundernswert.

    Entschuldige die fehlenden Umlaute etc.

    Beste Gruesse

    Caroline

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