Kassandrarufe – Wenn man von sexuellem Missbrauch nix hören will.

TW Ein sehr persönlicher Text über mich, mein Leben als Frau und sexuellen Missbrauch.

Vor 24 Jahren, am 18.06.1997, kam ich auf die Welt. Meine Eltern gaben mir den Namen Cassandra. Sie wussten nicht wirklich um seine Bedeutung. Er klang in ihren Ohren schön, einzigartig und stark.

Anfangs konnte ich mich nicht wirklich mit meinem Namen anfreunden. Zu lang, zu schwierig, zu selten. Doch als ich den Ursprung des Namens erfuhr und seine tiefe und besondere Bedeutung verstand, fing ich an, ihn wertzuschätzen.

‚Kassandra‘ auf altgriechisch.

Mein Name stammt aus der griechischen Mythologie: Der Gott Apollon verliebte sich in meine Namensvetterin und verlieh ihr die Gabe der Weissagung, um sie rumzukriegen. Kassandra (deren Schönheit Homer mit jener der Aphrodite verglich), gab ihm jedoch einen Korb. Daraufhin verfluchte Toxic-Masculinity-Apollon seine Gabe, weil er sie Kassandra wohl nicht wieder wegnehmen konnte. Er sorgte dafür, dass sie zwar in die Zukunft sehen konnte, niemand ihren Vorhersagen allerdings je Glauben schenken werde.

Somit warnte sie gegen Ende des Trojanischen Kriegs, die Trojaner vergeblich vor dem Trojanischen Pferd und der Hinterlist der Griechen, sodass Troja unterging. (Und das nur, weil Apollons Ego gekränkt war.)

Aus dieser Sage entwickelte sich der Begriff ‚Kassandraruf‘: So genannte Kassandrarufe sind vor einem Unglück oder schrecklichen Ereignis warnende Vorhersagen, die in der Regel allerdings niemand hören mag und schon gar nicht wahrhaben will.

Nun soll es in diesem Text um sexuellen Missbrauch gehen, also machen wir mal einen mehr oder minder holprigen Übergang:

Der Fluch, der auf Kassandra lag, scheint immer noch auf vielen Frauen zu liegen. Besonders, wenn sie sich dazu entscheiden ihre Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch zu teilen. Sie sprechen von schrecklichen Tragödien, versuchen andere Menschen vor gefährlichen Tätern zu warnen, doch niemand möchte ihnen zuhören, oder gar Glauben schenken.

Wie so viele andere Frauen und weiblich gelesene Personen in Deutschland sowie dem Rest der Welt, wurde auch ich bereits Opfer von sexueller Gewalt. Über meinen Missbrauch rede ich nicht gern, denn ich schäme mich dafür. Ich habe das Gefühl, es passt nicht zu meinem Selbstbild als starke Feministin, an dem ich lange gearbeitet habe.

Doch ich habe keine Lust mehr zu schweigen und mich dafür zu schämen, was mir passiert ist, denn das muss ich nicht. Das muss niemand.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Opfer sich dafür schämen, sexuelle Gewalt zu erfahren. Zugleich ignorieren Täter gänzlich ohne Scham Konsens, um ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen.

Als ich jünger war, war ich jahrelang in einer toxischen Beziehung gefangen, die stark an meinem Selbstbewusstsein und meinem psychischen Wohlbefinden nagte.

Wir hatten von Anfang an einige Probleme miteinander und es hat nie wirklich gut funktioniert. Er hatte viele Probleme und ich hatte viele Probleme. Doch trotzdem haben wir es nicht gepackt den Anderen zu verlassen.

Ich befand mich damals in einem mentalen Stadium, in dem ich sehr wenig von mir selbst hielt und dachte, ich würde niemals einen anderen Menschen finden, der mich lieben könnte. Ich hab nie wirklich geglaubt, dass ich eine ’schlechte‘ oder ‚ungesunde‘ Beziehung verdiene, ich war bloß fest davon überzeugt, dass es alles besser ist, als komplett alleine zu sein.

Mein damaliger Freund, der schon etwas älter war, lud mich, zur Feier unseres zwei-jährigen Jubiläums, auf einen zweiwöchigen Urlaub auf eine spanische Insel ein. Ich freute mich tierisch auf die Zeit und hatte die Hoffnung, dass es nur einen gemeinsamen Urlaub brauchte, um unsere Beziehung zu retten.

Doch leider wurde meine Freude sehr schnell getrübt, denn nach der ersten Nacht mit einvernehmlichen Sex, erwartete er jeden Abend darauf weiteren Sex, als Dank dafür, dass er den Urlaub für mich bezahlte. Wir sahen die ersten zwei Tage kaum etwas von der Insel und er wollte die Ferienwohnung nie verlassen. Ich fühlte mich immer unwohler und als ich am dritten Abend ‚Nein‘ zum Sex sagte, wurde er wütend auf mich und wir fingen an heftig zu streiten.

In dieser Nacht, verging er sich im Schlaf an mir. Er onanierte auf mein Gesicht und meinen Körper. Als ich mitten in der Nacht wach wurde und realisierte was sich auf meinem Gesicht und meinem Kopfkissen befand, bekam ich eine Panikattacke, meine allererste jemals.

Als er bemerkte wie ich darauf reagierte, entschuldigte er sich mehrmals und fing bitterlich an zu weinen, kniete sich vor mir nieder und klammerte sich an mein Bein, sodass letztendlich ich es war, die ihn trösten und beruhigen musste anstatt umgekehrt.

Am nächsten Abend schlief ich mit ihm. Ich hatte das Gefühl, es ihm vielleicht doch schuldig zu sein, Sex mit ihm zu haben. Ich hatte Sorge als undankbar zu gelten, da er ja so viel Geld für mich ausgab. Doch als wir miteinander schliefen, oder eher, als er Sex mit mir hatte, fing ich an zu weinen.

Das störte ihn jedoch nicht. Er ignorierte es.

Ich fühlte mich erniedrigt, hilflos und schämte mich sehr. Ich war so weit von zuhause entfernt, hatte kein Geld, um mir ein kurzfristiges Rückflugticket zu leisten und versicherte meiner Familie am Telefon, dass alles wunderbar wäre, damit sie sich keine Sorgen machten.

Ich versuchte die 2 Wochen so schnell wie möglich hinter mich zu bringen und ich schwor mir, ihn nach dem Urlaub sofort zu verlassen. Doch das passierte nicht. Zu groß war die Angst vor dem Alleinsein und nie wieder jemanden an meiner Seite zu haben.

Nun sitze ich hier, schreibe diese Geschichte auf und versuche mich dafür zu rechtfertigen, warum ich ihn damals nicht verlassen habe. Ich weiß: Ich muss das nicht rechtfertigen. Ich muss das nicht erklären. Es ist irrelevant. Doch die Sorge vor Victim Blaiming lässt es mich trotzdem tun.

Ich fühlte mich daraufhin regelmäßig zum Sex mit ihm gezwungen und fing oft währenddessen an zu weinen. Irgendwann war das Leid letztendlich größer als die Angst alleine zu sein und die Erkenntnis, dass er mich immer wieder betrogen hatte, gaben mir den Rest.

Das alles passierte mir mit 16 Jahren.

Als ich die Beziehung nach 3 Jahren beendete, gab meine Mutter mir immer wieder die Schuld am Scheitern der Partnerschaft. Sie wusste von meiner Borderline-Erkrankung und glaubte tief und fest, dass ich es aufgrund dessen „verbockte“. Als ich ihr eines Tages voller Wut und mit Tränen in den Augen erklärte, was er mir jahrelang antat, reagierte sie mit „Ich bin deine Mutter, ich will sowas nicht hören.“ Sie empfand es als unangenehm und unpassend, dass ich ihr als Tochter von meinem sexuellen Missbrauch erzählte.

Meine Schwester reagierte mit Lachen, aus Nervosität oder aus Schock, ich weiß es nicht genau. Sie sprach mich nie wieder auf das Thema an. Meinem Vater erzählte ich nie etwas.

Auch nachdem meine Mutter von den Vorfällen wusste, hörte ich sie immer mal wieder „Also mir hat er ja nichts getan und ich mochte ihn ja“ sagen, als Gespräche am Familientisch zu der gemeinsamen Zeit mit ihm führten.

Lediglich meine Freunde von damals, die ich erfreulicherweise auch Freunde von heute nennen darf, glaubten mir und fingen mich auf.

Das alles ist nun knapp 8 Jahre her und ich spreche selten darüber. Denken tu ich allerdings oft daran, besonders wenn ich in den Medien von sexuellem Missbrauch innerhalb von Beziehungen höre.

Ich habe mittlerweile keinerlei Kontakt mehr zu meinem Exfreund. Ich weiß nichts mehr über ihn und sein Leben. Ich weiß nicht, wie er seine neuen Beziehungen führt und wie er sich Partnerinnen gegenüber verhält. Ich hoffe lediglich, dass er sich geändert und gelernt hat.

Angeklagt habe ich ihn nie, da wir ja „in einer Beziehung waren“. Darüber hinaus hatte ich Sorge, dass mir wegen meiner psychischen Probleme und Stimmungsschwankungen damals, ohnehin nicht geglaubt wird. Oder dass meine Anklage als Racheakt gesehen wird, um ihn für sein Fremdgehen innerhalb der Beziehung zu bestrafen. Ich hielt lieber den Mund. Ich wollte die Geschehnisse abhaken und aus meinem Gedächtnis löschen, doch leider habe ich das nie wirklich geschafft.

Ich weiß heute mehr über mich selbst, meine Psyche und was sexuelle Gewalt mit Menschen anstellen kann. Denn sexuelle Übergriffe sind nichts, das man einfach so wegsteckt. Sexuelle Gewalt kann massive Auswirkungen auf Betroffene haben.

Es kommt bei Opfern zu einer enormen Verletzung ihrer Persönlichkeit und ihrer körperlichen Unversehrtheit. Ihr wird der Wille einer anderen Person mit Gewalt aufgezwungen – und dies in dem sehr sensiblen Bereich ihrer sexuellen Selbstbestimmung. Personen erleben in dieser Situation einen völligen Kontrollverlust über ihren Körper und ihren Willen. Sie fühlen sich ohnmächtig, hilflos. Sie empfinden Ekel und haben unheimliche Angst. Besonders wenn der Täter bekannt oder gut vertraut ist, bedeutet dies einen unfassbaren Vertrauensmissbrauch.

Mit 23 Jahren, frage ich mich nun, warum ich das alles mit mir geschehen ließ. Doch in Situationen sexuellen Missbrauchs, gibt es kein „richtiges“ oder „typisches“ Verhalten, sondern nur intuitive Reaktionen, die nur zum Ziel haben, bedrohliche Situationen zu überleben. Manche Frauen sind starr vor Angst und lassen die Vergewaltigung scheinbar teilnahmslos über sich ergehen. Andere wehren sich körperlich oder verbal. Wieder Andere verhalten sich scheinbar entgegenkommend, um so die Gefahr für ihr Leben zu verringern. Jede Verhaltensweise eines Opfers stellt einen Schutzmechanismus dar, um das eigenen Überleben zu sichern.

Ihr Selbstwertgefühl, ihre Würde, ihre Sexualität und die eigene Körperwahrnehmung können für lange Zeit gestört sein. Viele Betroffene reagieren mit Scham und Ekel vor sich selbst oder quälen sich mit Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen. Viele Gewaltopfer sind über ihre eigenen Reaktionen während der Tat zutiefst irritiert.

Denn ebenso gibt es kein typisches Opferverhalten nach einer Vergewaltigung. Manche Menschen sind völlig verzweifelt und aufgelöst, andere wirken ruhig und gefasst oder aggressiv. Einige Personen brechen zusammen, andere erscheinen überkontrolliert und manche sind nicht in der Lage das Geschehene überhaupt in Worte zu fassen. Auch nachdem viel Zeit vergangen ist.

Die wenigsten Personen reden über die Vergewaltigung. Scham und Angst – gerade auch vor Schuldzuweisungen – hindern sie daran, sich nahe stehenden oder fremden Personen anzuvertrauen oder unmittelbar nach der Tat eine Anzeige zu erstatten. Das Verhalten einer Person nach sexueller Gewalt lässt absolut keine Rückschlüsse auf ihre Glaubwürdigkeit zu.

Die Sorge vor Falschbeschuldigungen ist irrational. Solche Fälle sind so selten, dass sie es nicht rechtfertigen, dass beinahe jede Frau oder weiblich gelesene Person, die mit dem Vorwurf der Vergewaltigung an die Öffentlichkeit geht, mit ihnen konfrontiert wird. Und doch passiert es. Doch wird vielen Frauen einfach nicht geglaubt. Besonders wenn der mutmaßliche Täter in der Öffentlichkeit steht oder eine Machtposition inne hat.

Doch wieso eigentlich?

Unsere Gesellschaft ist eine Tätergesellschaft. Und solange wir innerhalb von patriarchalischen Strukturen leben, wird sie das auch bleiben.

Im Patriarchat formen diejenigen Personen, die sich in der Machtposition befinden, die Wahrheit. Sie entscheiden, wem geglaubt wird und wem nicht.

Das Patriarchat unterdrückt ALLE Opfer sexueller Gewalt, egal welchen Geschlechts. Es spricht sowohl männlich gelesenen als auch weiblich gelesenen Personen ihre Erfahrungen ab.

Eine Frau, die Opfer sexueller Gewalt wird, ist eine ‚durchgeknallte Lügnerin‘, die einem Mann die Karriere oder das Leben zerstören will. Ein Mann, der Opfer sexueller Gewalt wird, ist eine ’schwule Pussy‘ im Falle eines männlichen Täters oder ’schwul, wenn es ihm nicht gefallen hat‘, denn ‚wie kann ein Mann vergewaltigt werden, Männer lieben Sex?‘ im Falle einer Täterin. Diese Narrativen verfälschen und verformen die Wahrheit und machen es Opfern teilweise unmöglich, etwas zu sagen.

In unserer Gesellschaft gilt: Täter schützen Täter. Und potentielle Täter schützen Täter. Und Personen, die sich unsicher sind, ob sie sich in sexuellen Beziehungen korrekt verhalten, schützen Täter.

Denn es ist sehr bequem, sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung als eine Lüge darzustellen, wenn es einem ermöglicht, sich nicht damit auseinanderzusetzen, ob man selbst stets den Konsens innerhalb von sexuellen Beziehungen gewahrt hat. Es ist nun einmal einfacher, die Augen und Ohren zu schließen, als sich mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen.

Aber damit reicht es jetzt. Es ist an der Zeit, dass die Gesellschaft zum Thema ’sexuellen Missbrauch‘ lauter wird. So laut, dass es nicht mehr möglich ist, die Rufe der Opfer nicht zu hören, zu ignorieren oder klein zureden. Vor allem weiblich gelesene Personen und Frauen, und damit Personen, die in der Gesellschaft überwiegend bereits sexuellen Missbrauch erlebt haben oder mit erhöhter Wahrscheinlichkeit in ihrem Leben sexuelle Gewalt erleben werden, müssen sich miteinander solidarisieren. Wir MÜSSEN einander glauben, wir müssen füreinander da sein, wir müssen zusammenhalten.

Auch in Deutschland müssen Personen, die im öffentlichen Leben stehen, zur Rechenschaft gezogen werden, wie durch die #MeToo-Bewegung in den USA, sobald Vorwürfe bezüglich sexueller Gewalt und Missbrauchs gegen sie im Raum stehen und immer lauter werden. Ansonsten wird sich nie etwas ändern.

Wir müssen uns gemeinsam aus dieser Misere rauskämpfen, aus diesem Sumpf der ungerechten Machtverteilung, in welcher besonders heterosexuelle, reiche weiße Männer, immer noch die Oberhand haben und die Realität und Wahrheit formen können, so dass sie ihnen selbst hilft.

Gesellschaftlich und moralisch gesehen, MUSS dem Opfer geglaubt werden, bis das Gegenteil bewiesen wird.

Ein Kommentar zu „Kassandrarufe – Wenn man von sexuellem Missbrauch nix hören will.

  1. Danke, dass du deine Geschichte mit der Welt geteilt hast.
    Viel Liebe und Kraft, damit du deine Zukunft frei nach deinen Wünschen gestalten kannst.

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