Disempowering Men – Lasst die Männerjagd beginnen.

-Nicht. Denn der moderne Feminismus soll kein männerhassender Kampf auf dem Weg zur Herrschaft des Matriarchats werden. Er hat schlichtweg Besseres zu tun.

Der Ruf des Feminismus scheint heutzutage kaum noch zu retten zu sein. Feministinnen gelten als frigide und neurotische Trockenpflaumen, die anfangen wütend rumzuschreien, wenn ein Mann ihnen nett die Tür aufhalten oder ein Kompliment machen will, denn Männer stehen bei uns grundsätzlich unter Generalverdacht. Wir brüllen laut ‚Vergewaltigung!‘ wenn sich uns ein Mann auf einen Meter nähert, natürlich nur wenn wir Glück haben, dass sich uns ein Mann auf einen Meter nähert, denn wer will uns schon ficken? Wir verstoßen glückliche Hausfrauen und Mütter, denn wissen die nicht, dass man als Frau heutzutage Karriere machen soll? Und außerdem sind wir alle Lesben und wenn nicht, tun wir so als wären wir’s, denn Männer sind das ‚Böse‘.

Diese Vorurteile über Feministinnen und den Antifeminismus an sich, gibt es allerdings bereits genau so lang wie den Feminismus selbst. Das ist nicht neu. Denn je schlechter der Ruf des Feminismus, desto besser ist es für Personen, die sich in der patriarchalischen Welt wohlfühlen und von ihr profitieren.

Doch entgegen der Erwartung vieler Antifeminist:innen möchten wir nicht, dass Männer Frauen nicht mehr die Türen aufhalten, sondern dass man jeder Person die Tür aufhält und nicht nur einer attraktiven Frau, um ihr im Anschluss auf den Arsch zu starren.

Wir möchten ebenfalls nicht, dass Frauen nicht mehr zuhause bleiben, um sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Wir möchten, dass sich die Frau frei dafür oder eben dagegen entscheidet und beides frei von Vorurteilen und Verurteilung bleibt.

Und zuallerletzt: Wir lieben Männer, wir wollen sie bloß nicht brauchen müssen.

Dieser Beitrag soll keinen weiteren Keil zwischen die Geschlechter treiben. Er soll erklären was es mit dem modernen Feminismus wirklich auf sich hat. Und dafür gibt es zu Anfang die wirklich sehr schöne und auf den Punkt bringende Wikipedia-Definition der Bewegung. (ja, ich weiß):

Feminismus (über französisch féminism abgeleitet von lateinisch femina ‚Frau‘ und -ismus) ist ein Oberbegriff für gesellschaftliche, politische und akademische Strömungen und soziale Bewegungen, die, basierend auf kritischen Analysen von Geschlechterordnungen, aller Menschen jeglichen Geschlechts sowie gegen Sexismus eintreten und diese Ziele durch entsprechende Maßnahmen umzusetzen versuchen.

Aber warum heißt es Feminismus und nicht Equalismus oder Neuterismus, wenn es lediglich um Gleichstellung geht?:

Die Bewegung heißt Feminismus, da sie Gleichberechtigung und Akzeptanz ausgehend von den Bedürfnissen der benachteiligten Gruppe, der Frauen und weiblich gelesenen Personen, fordert. In einer de facto patriarchalischen Kultur, müssen Frauen und weiblich gelesene Personen auf die gleiche gesellschaftliche Stufe geholt werden wie Männer. Klassische und stereotypische Rollenverteilungen sollen kritisiert werden, um eben auch Männern und männlich gelesenen Personen mehr Freiheiten zu bieten.

„Blödsinn, ihr seid doch alle Feminazis.“

Feminazi: Eine Person mit extremen, radikalen Sichtweisen und männerfeindlichen/männerhassenden Tendenzen, die sich Feminist:in nennt und glaubt ihren Aussagen dadurch Relevanz und Glaubwürdigkeit zu schenken, dem Ruf des Feminismus so jedoch erheblich schadet.

In absolut jeder Strömung und Bewegung gibt es extreme Gruppierungen, die den Sinn der eigentlichen Sache falsch verstehen (wollen). Personen verbreiten ihre radikalen Beliefs und sagen Dinge wie #menaretrash und nennen es Feminismus, um dadurch zu suggerieren, dass es okay ist. Es ist nicht okay. Und so sehr ich auch die Wut und Frustration mancher ‚Feminazis‘ verstehen kann, genau so sehr glaube ich, dass diese Wut in Energie umgewandelt und auf die richtige Sache gelenkt werden muss.

Aber Frauen in Deutschland haben doch keine ‚echten‘ Probleme mehr:

Am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen und gewählt werden. Das Frauenwahlrecht, das für uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen schweren Widerstand von Männern und Frauen durchsetzen. (Antifeminismus war also schon immer modern). Da Frauen eine geringere Intelligenz und durch den Besitz eines Uterus eine Bestimmung für das Kinderkriegen im privaten und häuslichen Raum zugeschrieben wurde, galten sie im politischen Bereich als deplatziert.

Der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ wurde allerdings erst am 23. Mai 1949 im Artikel 3, Abs. 2 unseres Grundgesetzes als Verfassungsgrundsatz aufgenommen. Dies galt jedoch lediglich als formale Gleichberechtigung, die noch lange nicht die Realität erreichte, da erst ab dem 1. Juli 1958 das Gleichberechtigungsgesetz galt. Ehemänner hatten jedoch weiterhin die Entscheidungsgewalt darüber, ob ihre Ehefrau berufstätig sein durfte, oder nicht. Erste Aufgabe einer Ehefrau blieb nun einmal die Haushaltsführung und Kindererziehung.

Bis zum Jahr 1959 galt der Stichentscheid des Ehemannes, der ihm erlaubte, Entscheidungen in allen Fragen des gemeinsamen Zusammenlebens zu treffen und erst ab den späten 60er Jahren führten Jugend- und Frauenbewegungen dazu, dass das frauenfeindliche Familienbild im Ehe- und Scheidungsrecht Geschichte waren. Zumindest auf dem Papier. Die Vergewaltigung in der Ehe wurde allerdings erst ab 1997 als eigenen Straftatbestand eingeführt.

Der Weg zur rechtlichen Gleichberechtigung von Männern und Frauen war in Deutschland dementsprechend ein langer und steiniger Weg. Und auch heute, im Jahr 2020, sind Frauen in der Gesellschaft strukturell nicht gleichberechtigt, auch wenn es auf dem Papier so scheinen mag. Laut dem WEF-Forscher Roberto Crotti, hinkt Deutschland vor allem in der Wirtschaft bei der Gleichberechtigung der Geschlechter im Vergleich zu anderen Ländern hinterher. Andere Länder besitzen einen höheren Anteil von Politikerinnen und Frauen in Führungspositionen und obwohl Frauen auf dem Arbeitsmarkt fast gleichberechtigt beteiligt sind, verdienen Männer nach wie vor deutlich besser. Vor allem in neuen und modernen Berufsbildern sind Frauen stark unterrepräsentiert.

Man muss auch im Jahr 2020 erkennen können, dass viele Sachverhalte nicht an individuellen Problemen liegen, sondern dass es nach wie vor strukturelle Nachteile gibt, die mit dem Geschlecht zusammenhängen. Zum Beispiel, dass vor allem alleinerziehende Mütter auf Wohnungssuche kaum eine Chance haben, oder dass bei Frauen im jungen Alter lieber zwei Mal überlegt wird, ob man sie einstellt ‚da sie ja bald Kinder bekommen könnten‘. Um Karriere machen zu können, müssen Mütter immer noch strukturelle Hürden überwinden (Stichpunkt: Angebote zur Kinderbetreuung) und mit gesellschaftlichen Normen klarkommen, die zum Beispiel die eigene Familie oder auch die Nachbarn stellen. Kinderlose Frauen, die Karriere machen, anstatt eine Familie zu gründen, gelten dann als ‚kalt‘ und ‚weniger weiblich‘. Sie würden irgendwann bereuen das große ‚Glück der Mutterschaft‘ abgelehnt zu haben.

Doch natürlich geht es Frauen und weiblich gelesenen Personen in Deutschland vergleichsweise zu anderen (nicht-westlichen) Ländern sehr gut. Und gerade dadurch, dass wir das Privileg besitzen, in Deutschland zu leben, einem Land, in welchem die Sicherheit und das Wohlbefinden von Frauen gefestigt sind, ist es uns möglich, uns mit der Selbstverwirklichung der Frau zu befassen. Der deutsche Weg der Gleichberechtigung der Geschlechter und der heutige Stand dessen, ist die Grundlage dafür, dass sich im modernen Feminismus mit neuen Aufgaben auseinandergesetzt werden kann. Feministische Ansprüche in Deutschland haben sich nun einmal weiterentwickelt und verändert. Heutzutage geht es um die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen.

Frauen und weiblich gelesene Personen sollen sich freizügig anziehen und mit zahlreichen Sexualpartner:innen verkehren dürfen, ohne sexualisiert und geslutshamed zu werden. Sie sollen sich verhüllen dürfen, ohne als unterdrückt zu gelten. Sie sollen Karriere machen dürfen, ohne dadurch weniger weiblich zu wirken. Sie sollen Mutter werden dürfen, ohne als Gebärmaschine bezeichnet zu werden. Und sie sollen Karriere und Kinder verbinden dürfen, ohne als Rabenmutter dargestellt zu werden.

Frau soll einfach frei sein, in ihrer Selbstverwirklichung und den Entscheidungen, die sie trifft.

Doch in anderen Ländern, kann sich damit noch nicht befasst werden. Mädchen und Frauen sind weltweit strukturell in ihren Rechten, ihrer Sicherheit, ihrem Wohlbefinden und ihrem Zugang zur Bildung benachteiligt. Sie sind arm an Chancen und Macht. Sie werden häufiger Opfer sexualisierter Gewalt und sind öfter von extremer Armut betroffen. Die realen und aktuellen und ‚echten‘ weltweiten Probleme der Frau sind Genitalverstümmelung, sexualisierte Gewalt gegen Mädchen, Zwangsprostitution, Sextourismus und Frauenhandel.

Der Feminismus muss anerkennen, dass Solidarität und Unterstützung für Frauen in diesen Ländern notwendig ist. Frauen und weiblich gelesene Personen nicht-westlicher Länder, müssen in ihrem Kampf für die Geschlechtergerechtigkeit ermächtigt werden. Sie brauchen Hilfe, und damit meine ich auch Hilfe und keine ‚Rettung mit Missionierungscharakter‘, denn der Hauptgrund, warum diese Frauen Unterstützung benötigen, ist der, dass westliche Länder ihnen im Rahmen der Kolonialisierung ihre Ressourcen genommen haben, bevor sie sie selbst nutzen konnten.

Die Aufgaben des modernen Feminismus:

Genau so wie sich der Feminismus der modernen Zeit verändert und weiterentwickelt hat, verändert sich auch der Antifeminismus. Es gibt stets den alten ‚Die Welt soll genau so bleiben wie sie ist und das Patriarchat ist gut so‘ – Antifeminismus und eine neue, tückischere Form. Ein Antifeminismus, der sich selbst Feminismus nennt. Denn es gibt Personen, die Fahrlässigkeiten wie ein Sexkaufverbot oder ein Abtreibungsverbot veranlassen wollen, obwohl die weibliche Freiheit dadurch leidet, anstatt zu profitieren. Diese Verbote sind kein Feminismus, denn Feminismus ist der Gedanke, dass Frauen (und auch Männer) die komplette und uneingeschränkte Kontrolle über ihren eigenen Körper haben und alle Entscheidungen diesbezüglich selbst treffen können. Unser Körper ist unser Eigentum. Ein Sexkaufverbot, ein Abtreibungsverbot oder auch der Versuch Sexualpraktiken wie BDSM als frauenfeindlich darzustellen, suggerieren das exakte Gegenteil davon.

Die Aufgaben und Baustellen des heutigen Feminismus müssen sich von diesen frauenfeindlichen Einstellungen und definitiv vom feindlichen Männerbild lösen, da dieser irrsinnige Männerhass die Aufmerksamkeit auf die falsche Sache lenkt, anstatt auf wichtige Probleme unserer Zeit. Solidarität zwischen den Geschlechtern ist von Nöten. Es geht nicht um den alten Geschlechterkampf Mann gegen Frau. Es geht um den Kampf von Menschen gegen die Geschlechterungerechtigkeit.

Der moderne Feminismus schließt Frauen, weiblich gelesene Personen und Personen, die sich als Frau identifizieren, unbedingt mit ein, und zwar unabhängig der Hautfarbe, Religion und sexueller Orientierung. Er kämpft für die Freiheit und Selbstbestimmung aller Frauen, Männer und Menschen jedes Geschlechts. Er muss sich insbesondere auf die Benachteiligung und Diskriminierung von Women of Color, Sexworker:innen und trans Frauen konzentrieren.

Befasst werden muss sich, mit der sexuellen Diskriminierung von und Gewalt gegen Frauen jeglicher Hautfarbe und die totgeschwiegene sexuelle Gewalt gegen Männer und LGBTQ.

Der Feminismus darf kein ‚weißer‘ Feminismus sein und muss die Probleme von Women of Color gerade jetzt in den Vordergrund rücken, da diese Frauen zu gleichen Teilen unter Misogynie UND Rassismus leiden, und dadurch unter einer extremen Doppelbelastung stehen, die nicht mehr geduldet werden darf und priorisiert werden muss.

Last but definitely not least, muss sich mit der strukturellen Diskriminierung von trans Menschen auseinandergesetzt werden. Denn trans Frauen sind Frauen (FCK JKR).

Es muss sich mit dem Recht auf sexuelle, reproduktive und geschlechtliche Selbstbestimmung befasst werden, gesellschaftlich zementierte Rollenbilder aufgelöst und die ’sanfte‘ Gewalt zugewiesener Biografien und Lebensführung verhindert werden. Stereotype müssen erkannt, und Menschen aller Geschlechter, die darunter leiden, müssen davon befreit werden. Denn ein Mann, der lieber zuhause bleiben möchte, um sich um die Kinder zu kümmern und deshalb als ‚kein echter Mann‘ betitelt wird, leidet genauso darunter wie eine Frau, die neben der Kindererziehung Karriere machen will und dadurch zur ‚Rabenmutter‘ wird.

Das ist der Feminismus für den ich stehe und kämpfe.

Wem diese Forderungen immer noch zu radikal sind, dem ist nicht mehr zu helfen. Doch für alle anderen gilt: Feminism is for everyone.

Catcalling verbieten: „Man darf ja gar nichts mehr.“

Ich gehe fröhlich und ungezwungen mit meiner Freundin durch die Straßen Münchens. Die Sonne scheint und es ist warm, aber windig. Wir haben gute Laune und genießen die gemeinsame Zeit. Als der Wind mein lockeres Kleid hochweht, höre ich eine Gruppe an älteren Männern freudig klatschen und Laute der Begeisterung ausrufen. Let’s talk about it.

Catcalling. Verbale sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit, in der Regel in Form von sexuell aufgeladenen Kommentaren bezüglich des Körpers und des Aussehens der belästigten Person. Catcalling wird meistens von Männern, oft in Gruppen, ausgeführt und richtet sich größtenteils an Frauen und weiblich gelesene Personen.

,,Hey na, Schöne? Komm doch mal rüber quatschen.“

,,Ich gehe durch den Stadtpark zum Bahnhof. Auf einer Bank 3 ältere Männer, sichtlich angetrunken, rufen mir hinterher: ‚Was ist das denn für ’ne Fotze? Rost auf’m Dach heißt feuchter Keller‘.“

Auf Twitter habe ich, unabhängig des Geschlechts und der Sexualität, nach Erfahrungsberichten bezüglich Catcalling gefragt. Wie vermutet, gehen ein Großteil der Belästigungen von Männern aus und richten sich an weiblich gelesene Personen, sehr häufig auch an minderjährige Mädchen, die sich noch schlechter gegen Catcalling wehren können. De facto werden jedoch Personen jedes Geschlechts und jeder Sexualität von Catcalls belästigt.

,,Mir sind 3 Männer entgegen gekommen, die bereits von Weitem gegafft haben. Ich hab dann mein Handy rausgeholt und aus Nervosität drauf geschaut. Der Typ, der mir am nächsten war hat dann gebrüllt: ‚Guck mich an, du sexy Schlampe, wenn du an mir vorbeikommst.'“

,,Kopf hoch, zeig mir dein hübsches Gesicht!“

Viele der Erfahrungen der Personen auf Twitter hörten nicht bei verbaler sexueller Belästigung auf. Aus Catcalling wurde sehr schnell körperliche sexuelle Belästigung und eine extrem bedrohliche Situation, denn besonders wenn Täter:innen Aufmerksamkeit verwehrt bleibt und die Ausrufe an „Komplimenten“ ignoriert werden, eskaliert die Situation.

,,Ich werde leider oft angehupt und dann werden eindeutige Gesten gemacht oder mir Sachen zu gerufen. Dabei ist es dann egal, ob ich Jogginghose an hatte oder top gestylt war. Danach geht man mit einem ganz merkwürdigen Gefühl weiter.“

Bei Catcalls handelt es sich nämlich nicht um Komplimente, denn Komplimente machen keine Bauchschmerzen oder das Gefühl im Erdboden versinken zu wollen. Komplimente erzeugen keine Angst, bringen einen nicht dazu die Straßenseite wechseln zu müssen, lassen einen nicht darüber nachdenken, wie man sich im schlimmsten Fall am besten wehrt und machen den Aufenthalt in der Öffentlichkeit nicht zu einem Spießrutenlauf.

Es geht hier eben nicht um eine freundlich lächelnde Person, die auf dich zukommt und fragt „Hey, ich find‘ dich wirklich toll und wollte fragen, ob wir Nummern tauschen und uns zum Kaffee treffen können?“ und ein nettes „Trotzdem einen schönen Tag noch“ da lässt, wenn sie abgewiesen wird.

Es geht darum:

,,Ich habe während der Quarantänezeit mit Inlineskating angefangen. Jedes Mal ist mindestens ein Auto neben mir hupend langsamer gefahren, kombiniert mit Sprüchen wie ‚Ey du geile Sau‘.“

,,Ein Mann hat mir in der Altstadt, während ich auf meine Freundin wartete, hinterher gepfiffen und gefragt ‚Bist du schwanger, oder kann ich dich ficken?'“

,,Ich war mit meiner damaligen Freundin in der Stadt und wir haben Händchen gehalten und uns auch geküsst. Wir waren 14 oder 15 und uns wurde ‚Geile Lesben‘ und ‚Hört nicht auf‘ zugerufen.“

,,Ich habe jetzt schon Angst, wenn meine Töchter ins Teenageralter kommen, wenn ich das alles lese.“

Viele dieser Beiträge sind sehr krasse Beispiele für Catcalling und hohe Formen verbaler sexueller Belästigung.

Ich möchte verhindern, dass Täter:innen meinen Text lesen und denken „Naja, ich ruf ja nur nette Dinge hinterher und pfeif mal hier und da.“, denn auch das ist bei den meisten Personen unerwünscht. Auch ein simples Pfeifen löst bei Betroffenen Empörung, Wut, Unwohlsein und bei extrem unsicheren Frauen (zu denen ich selbst auch gehöre) Angst aus. Ich bin müde, die Frage zu beantworten wo Komplimente denn aufhören und wo bereits Catcalling beginnt. Die Frage, mit der man sich befassen sollte ist, wo Catcalling zu handfester sexueller Belästigung wird und die Antwort lautet: Immer.

,,Ich war 14 und mir wurde von einem über 30-Jährigen Zeitungsverkäufer Geld für ‚Einmal ficken hinterm Bahnhof‘ angeboten.“

,,Morgens um 7 Uhr auf dem Weg zur Arbeit und ich habe gegähnt: ‚Ach du willst mir einen blasen?'“

Catcalling beginnt mit einem simplen Pfeifen und Hupen, mit einem „Hey, Süße“ oder „Na, du bist aber schön!“

Das sind nämlich keine Ausdrücke von Wertschätzung und Interesse. Das sind keine Komplimente. Catcalling gilt als Ausdruck von Macht und Dominanz und wird deshalb in der Regel von heterosexuellen Männern ausgeführt. Genau aus diesem Grund, kommen Catcalls meist gezielt in Situationen vor, in denen sich Betroffene in einer Position befinden, in der sie sich nur schwer wehren können. Wenn Täter:innen sich in Gruppen oder im Schutz ihrer Autos befinden, sie den Opfern körperlich überlegen oder die betroffenen Person minderjährig sind. Der Schutz der Dunkelheit und der Mangel an Zeugen in späten Stunden, sowie ein steigender Alkoholpegel, der Täter:innen einen Schwung an Stärke und Selbstbewusstsein schenkt, sind perfekte Voraussetzungen für Catcalling. Häufig werden Personen auch gecatcalled, wenn sie gerade weinen oder emotional überfordert zu sein scheinen.

Täter:innen catcallen also, weil sie es können und sich selbst damit auf ein höheres Podest stellen wollen. Sie tun es nicht, um einer Frau oder anderen Betroffenen ein gutes Gefühl zu geben. Catcalls haben genau so wenig mit Komplimenten zu tun, wie Vergewaltigungen mit Sex.

,,Ich war 22 und Soldat. War auf dem Heimweg von der Kaserne. Ein etwa 40 bis 50-Jähriger Mann hat mich am HBF angesprochen und gefragt, ob ich strammer Kerl nicht mal Lust hätte ordentlich von ihm durchgefickt zu werden.“

,,Ich hatte mal pinke Haare für ein Jahr. Mir wurde hinterher gerufen, dass ich eine ‚geile Schwuchtel‘ wäre.“

Täter:innen merken oft an, dass Verbote ihre Freiheit einschränken würden, man dürfe ja vor allem ‚als Mann‘ gAr NiChTs MeHr SaGeN. Wer sich durch ein Verbot von Catcalling angegriffen fühlt und das Gefühl hat, er dürfe nicht einmal mehr Komplimente an Frauen verteilen, der weiß, dass das was er tut bereits sexuelle Belästigung ist. Der weiß, dass das was er tut nicht mehr okay ist.

,,In der S-Bahn meinte mal ein älterer Mann zu mir, dass ihn ,,meine blauen Haare so furchtbar anmachen“.“

,,Ich war 12 oder 13, trug einen Rock. Ein Mann hatte darunter geguckt und mir dann gesagt, dass er meinen Slip sehr sexy findet.“

In Wahrheit schränkt Catcalling auf der Straße nämlich die Freiheit von Betroffenen ein, nicht die der Täter:innen.

Mir passiert Catcalling nämlich häufig, aber definitiv nicht immer, im Sommer, wenn Täter:innen meine leichte Kleidung lieber auf sich, als auf das warme Wetter beziehen. Mit dem ersten Schritt aus dem Haus lande ich auf dem Präsentierteller. Ich bin gerade auf dem Weg zur Arbeit, zu einem Treffen mit Freunden oder drauf und dran meinen kleinen Neffen vom Kindergarten abzuholen, wenn mir hinterher gepfiffen, gerufen und gehupt wird. Ich fühle mich eingeschränkt in der Art wie ich mich kleide, in der Art wie ich mich schminke, in der Art wie ich mich in der Öffentlichkeit bewege. Durch Catcalling drängen sich Täter:innen in den Personal Space der Betroffenen und zwingen sie tagtäglich in die Defensive, in welcher das Ignorieren von Kommentaren nicht als Abwesenheit einer Reaktion, sondern als passive Aggression angesehen wird, die weitere verbale Belästigungen rechtfertigt.

,,Erster sonniger Tag im Frühling, ich trage einen knielangen engen Rock und warte auf die Tram. Ein Mann stellt sich neben mich „Lust zu ficken?“ Seither warte ich mit Sommerkleidung zwei Wochen länger.“

Uns Betroffenen wird regelmäßig nachgepfiffen, als wären wir Hunde, oder eben Katzen, oder eben auf zwei Beinen laufende Pussies, die ihre Aufmerksamkeit gefälligst auf ihr Herrchen richten sollen, da er sonst böse mit uns wird.

Und ja. Natürlich gibt es Frauen, die Catcalling genießen. Es gibt auch Frauen, die es genießen überraschend Dick Pics in ihren privaten Nachrichten zu finden. Und es gibt Frauen, die es genießen auf der Straße von fremden Männern angepisst zu werden. Das richtige Verhalten besteht jedoch daraus, davon auszugehen, dass man auf eine Frau trifft, die es als sexuelle Belästigung auffasst.

Denn Catcalling ist in meinen Augen gesellschaftlich geduldete sexuelle Belästigung, mit welcher besonders als weiblich gelesene Personen nun einmal lernen müssen klar zukommen, besonders wenn sie Haut zeigen. Es wird als normal angesehen, als etwas, das im Alltag einer ‚herkömmlichen‘ Frau eben vorkommt. Wir führen einen von verbaler sexueller Belästigung dominierten Alltag. Und das muss geändert werden. Es muss zumindest ein Zeichen dagegen gesetzt werden. Und dieses Zeichen wäre, verbale sexuelle Belästigung in Form von Catcalling als eigenen Straftatbestand zu etablieren. Ein Verbot und die strafrechtliche Verfolgung dessen, schützt nicht nur Frauen, sondern alle Betroffenen, besonders die Minderjährigen.

,,Ich werde von wildfremden Menschen oft gefragt was ich denn sei ‚Junge oder Mädchen?‘ und je nachdem was ich dann antworte, entscheiden die dann ob ich ihre Aufmerksamkeit und ihr ‚Kompliment‘ verdiene oder nicht.“

,,Ich, in bestem Dienstanzug, nach dem Melden bei der neuen Kompanie, fahre heim und hol unterwegs noch 2-3 Sachen: ‚Also unter die Uniform würd‘ ich schon gern mal drunter schauen.‘ Mit Kichern.“

Grund dieses Blogeintrags ist nämlich die Petition ‚Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein‚. Ins Leben gerufen durch Antonia Quell und zur Zeit der Verfassung dieses Beitrags noch 4 Wochen online. Dieser Text soll idealerweise genug Menschen davon überzeugen die Petition zu unterschreiben und Catcalls, wie in Frankreich, Portugal und den Niederlanden bereits etabliert, zum eigenen Strafbestand machen. Das Gesetz würde sich gleichermaßen auf jedes Geschlecht beziehen und demnach alle von verbaler sexueller Belästigung betroffenen Personen schützen.

,,Der Klassiker: Bauarbeiter pfeifen mir hinterher. Mit Rock und Feinstrumpfhose durch die Innenstadt: Hinterher gerufene Kommentare oder Pfiffe. Wenn ich an manchen Tage keine Energie dazu habe, trage ich keinen Rock, obwohl ich Bock drauf habe.“

,,Mir kamen mal zwei Typen in der Stadt entgegen und wir sind vor einem vollen Außenbereich eines Cafés aneinander vorbei gelaufen. Da meint einer von beiden zu seinem Kumpel laut hörbar: ‚Er ist aber auch ein süßer, lutscht bestimmt gern Schwänze.'“

In meinen Beitrag habe ich Erfahrungen einfließen lassen (in pink), die noch als ‚Catcalling‘ und verbale sexuelle Belästigung gelten. Ich lege allerdings jeder Person ans Herz sich die über 200 Beiträge unter meinem Tweet durchzulesen, um zu sehen wohin Catcalling führt und warum es den meisten Betroffenen derart große Angst macht, sexuell konnotierte Kommentare auf der Straße hinterher gerufen zu bekommen. Und ganz wichtig: Warum man die Petition unterschreiben sollte.

PS: Ich finde es okay, wenn man mich nach dem Lesen dieses Beitrags als „frustrierten Feminazi“ bezeichnet, denn ich bekam schon weitaus Schlimmeres zu hören, und zwar in Form von verbaler sexueller Belästigung auf der Straße.

Cola und Mentos – oder warum Menschen sich selbst verletzen.

!TRIGGERWARNUNG!

!Dieser Text behandelt Selbstverletzendes Verhalten und ist höchst triggernd. Er beinhaltet eine explizite und graphische Beschreibung einer SVV-Situation. Dieser Teil wird visuell abgegrenzt und kann gerne überlesen werden!

In meinem Schlafzimmer stand seit jeher eine kleine Engelsfigur, mit schönen weißen Flügeln, goldenen Löckchen und einem hübschen roten Kleid an. Irgendwann entdeckte ich durch Zufall an ihrer Unterseite eine kleine schmale Öffnung, die in ihren Hohlraum führte. Dort versteckte ich meine Rasierklingen.

Ich kam abends von der Arbeit nach Hause. Der Arbeitstag im Einzelhandel war lang und hart. Meine Arbeitskollegin, mit der ich in der Vergangenheit immer wieder aneckte, machte einen dummen Spruch auf meine Kosten, als ich einen Minusbetrag von 3 Euro in meiner Kasse hatte.

Meine ganze Haut kribbelte vor Anspannung, juckte regelrecht, mein Kopf dröhnte und drohte zu platzen, meine Hände zitterten vor Wut und hätte man mich angesprochen, hätte ich ausgeholt und es genossen. In diesen Momenten fühlte ich mich wie eine Flasche Cola, in die man ein paar Mentos rein geworfen und den Deckel zugeschraubt hat. Man schmeißt sie auf den Boden und kickt sie gegen die Wand, doch sie schafft es nicht zu explodieren. Sie schafft es nicht, den Druck abzulassen.

Bevor ich an diesem Abend irgendetwas anderes tat, lief ich in die Küche, holte ein Geschirrtuch aus der Schublade, schaltete das Radio an, drehte es laut, lief in mein Schlafzimmer, griff zur Engelsfigur und fischte meine Rasierklingen heraus. Aus dem Bad holte ich Desinfektionsmittel, rannte zurück in die Küche und säuberte meine Klingen.

TW *ANFANG der expliziten Darstellung selbstverletzenden Verhaltens (Schneiden)*

Ich legte die Klingen sorgfältig auf ein paar Lagen Küchenpapier und zog mich bis auf die Unterwäsche aus. Selten nahm ich meine Arme, manchmal nahm ich meine Brust, doch normalerweise waren es die Oberschenkel und auch heute sollten sie es sein.

Ich setzte mich auf den Boden und lehnte mich gegen die Wand. Behutsam nahm ich eine der Klingen in meine zitternde Hand, atmete tief ein und atmete langsam wieder aus. Ich bereitete mich auf den Schmerz vor und darauf, das qualvolle Gefühl von Spannung und Druck endlich loszuwerden. Ich war kurz davor den Deckel der Flasche abzuschrauben und die Fontäne an Cola und Mentos in die Luft schießen zu lassen. Ich war bereit mich zu entspannen.

Also setzte ich die Klinge an meinen Oberschenkel, übte entschiedenen Druck auf meine blasse, bereits von zahlreichen Narben in verschiedenen Stadien der Heilung übersäter Haut aus und zog meine Hand langsam nach rechts. Körperlichen Schmerz, habe ich dabei selten gefühlt. Ich beobachtete wie die Haut langsam auseinanderglitt und sich die ersten kleinen Tröpfchen Blut an die Oberfläche kämpften. Die Tröpfchen wurden zu Tropfen und die Tropfen zu kleinen Flüssen, die meine Oberschenkel herunterliefen. Ich setzte einen weiteren Schnitt und noch einen und noch einen. Ich beobachtete wie das Blut aus meinen Schnitten lief. Und mit dem Blut, ging auch die Anspannung. Es war ein Moment der Erleichterung. Heiße Tränen der Befreiung liefen über die Wangen. Mein gesamter Körper entkrampfte und lockerte sich und sobald ich merkte, dass der Druck allmählich nachließ, presste ich das Geschirrtuch auf die Wunden und hörte auf.

Für ein paar Minuten, als ich auf dem Boden saß und wartete bis die Blutung stoppte, fühlte ich mich wirklich gut.

Sonderlich lange hielt dieses Gefühl allerdings nie an.

TW *ENDE der expliziten Darstellung selbstverletzenden Verhaltens (Schneiden)*

Zu diesem Zeitpunkt war ich 20 Jahre alt und somit keine pubertierende Jugendliche mehr, die versuchte mit ihren Verletzungen Aufmerksamkeit zu generieren. Ich bin auf keinen Tumbler-Trend-Waggon aufgesprungen und wollte es nicht tun, weil andere es auch taten oder weil ich ein Emo war und man es als Emo nun einmal tat, um in der Szene dazuzugehören. Ich wollte damit ebenfalls nicht kollektiv mit anderen Bieber-Fans mein großes Idol Justin davon abbringen weiterhin Drogen zu nehmen und wurde auch nicht im Rahmen einer Mutprobe dazu gezwungen. Ich war eine junge Frau mit schwerwiegenden psychischen Problemen, die sich in Momenten der absoluten emotionalen Überforderung nicht anders zu helfen wusste.

Vor ungefähr 3 Jahren habe ich mich also endgültig zum letzten Mal geschnitten. Das erste Mal geschah es bereits mit 13. Ich fing an mit Nagelscheren und den dreckigen Klingen des Anspitzers aus meinem Schuletui. Ich hörte auf mit scharfen Rasierklingen, die ich vor und nach Gebrauch desinfizierte.

Als mir die Idee zu diesem Blogeintrag kam, glaubte ich, dass der zeitliche und emotionale Abstand, den ich zu damals habe, groß genug sei, um ohne getriggert zu werden darüber schreiben zu können. Doch die Hemmungen davor wirklich anzufangen von einer Situation zu erzählen, in der ich mir etwas angetan habe, woran mich meine Narben immer noch konstant erinnern, war groß. Aber hier sitze ich nun und beschreibe eine Situation, die es in meiner Jugend gut hundert Mal gab und merke wie fremd sie mir mittlerweile vorkommt.

Und ich bin erleichtert, erleichtert und stolz.

In diesem Blogeintrag geht es also, wie man bereits vermuten mag, um Selbstverletzendes Verhalten (SVV). Unter SVV werden Handlungen verstanden, bei denen es zu bewusst selbstinduzierten Verletzungen der Haut, !ohne suizidaler Intention!, kommt. Am häufigsten unter selbstverletztendem Verhalten wird das Zufügen von Schnittverletztungen, also das ‚Schneiden‘ oder ‚Ri**en‘ mit Messern, Rasierklingen und Scherben, aufgeführt. Aber auch Verätzungen und Verbrennungen sind häufige Formen von SVV. Betroffene reißen sich die Haare aus, lassen Wunden mutwillig nicht verheilen, beißen und schlagen sich selbst, schlagen ihren Kopf gegen Wände, Trinken giftige und ätzende Flüssigkeiten und drücken Zigaretten oder Streichhölzer auf ihrer Haut aus. Dieses Verhalten kommt vermehrt bei Jugendlichen mit psychischen Problemen und Störungen vor, doch auch ältere Menschen können selbstverletztendes Verhalten entwickeln. SVV ist nämlich kein eigenes Krankheitsbild, sondern tritt als Symptom im Zusammenhang mit psychischen Störungen und Erkrankungen, wie Depressionen, Essstörungen sowie Zwangs- und Angststörungen auf. Personen mit einem mangelndem Selbstwertgefühl oder einer Unfähigkeit ihre eigenen Emotionen auszudrücken und zu regulieren, greifen ebenfalls häufig auf selbstverletzende Verhaltensweisen zurück.

Besonders oft wird SVV mit der Borderline-Persönlichkeitststörung (BPS), einer Störung unter der auch ich leide, verbunden. Doch sich zu schneiden ist nicht gleichbedeutend damit Borderline zu haben und nicht jede Person, die unter Borderline leidet, schneidet sich auch. Neben Selbstverletzungen der Körperoberfläche, kommen bei BPS auch viele weitere breitgefächerte Formen der Selbstschädigung wie Alkohol- und Drogenexzesse, Spielsucht, rasantes Autofahren, riskantes Sexualverhalten, extreme Essgewohnheiten etc. vor.

In diesem Blogeintrag soll es allerdings um allgemeine Selbstverletzung gehen, unabhängig von der Borderline-Persönlichkeitsstörung, welche den Rahmen dieses Eintrags sprengen und Personen, die auch ohne BPS Selbstverletzungen ausüben, nicht die nötige Aufmerksamkeit geben würde, die sie verdienen.

Für Spannungszustände und dem Druck selbstverletzendes Verhalten auszuüben, gibt es grundsätzlich eine ganze Reihe an Auslösern. Jede/r SVV-Patient/-in kann ganz individuelle oder eine ganze Kombination unterschiedlicher Auslöser besitzen. Negative Gedanken und Gefühle, die auf andere Weise nicht ausgedrückt werden können, eigene Aggressivität und Wut, die nur so abgelassen werden kann, sind wohl die gängigsten Auslöser. Oft wird diese soziale Komponente von SVV auch dafür genutzt, seiner Umgebung oder Menschen, die einem etwas bedeuten, seinen psychischen Schmerz durch körperliche Wunden visuell darzulegen, wenn man nicht die Kraft und Möglichkeit besitzt, darüber zu reden. Einige Patient/-innen bestrafen sich für eigene Fehler und subjektives Versagen. Auch die Unfähigkeit positive Ereignisse und angenehme Gefühle zu verarbeiten kann selbstverletztende Verhaltensweisen initiieren. Letztendlich können auch Berichte anderer Betroffener über Traumata und SVV-Verlangen Selbstverletzungen triggern.

Die kurzfristigen positiven Konsequenzen sind wohl ein Grund dafür, warum man nach dem ersten Ausprobieren von SVV immer wieder darauf zurückgreift. Durch die Verletzungen können negative und unangenehme Druck- und Spannungszustände gebessert oder gänzlich beendet werden. Dieser negative Zustand wird dadurch in einen angenehmen Zustand, bis hin zur Trance, umgewandelt.

Das Fatale an der Selbstverletzung ist somit die Suchtgefahr. Betroffene geraten oftmals nach dem ersten Ausführen in einen Teufelskreis, der sich nicht so leicht durchbrechen lässt. Denn Selbstverletzung wirkt wie eine Droge und kann Suchtdruck erzeugen. Der Schmerz durch bewusst erzeugte Verletzungen kann heilsam wirken, da Betroffene kurzzeitig von negativen Gefühlen und Anspannungen abgelenkt werden. Durch Verletzungen des Körpers werden Endorphine als körpereigene Schmerzmittel ausgeschüttet, um unsere Schmerzen erträglicher zu machen. Dies wird bei SVV genutzt, um innere Spannung und Ängste, genau wie schlechte Gefühle und Sorgen, für kurze Zeit abzuschwächen. Der Körper lernt beim nächsten psychischen Tiefpunkt erneut nach dem Entspannung und Frieden bringenden Schmerz zu verlangen.

Doch dieses Gefühl der Entspannung und Erleichterung hielt bei mir nie sonderlich lange an. Das Ablassen der Anspannung und Wut sowie die Entkrampfung meines gesamten Körpers warf mich in diesen Momenten in ein Stimmungstief, ein depressives Loch aus Selbsthass, Reue und Verzweiflung. Die Drogen hörten auf zu wirken und ich schämte mich dafür sie konsumiert zu haben. Es war der Kater am Sonntag-Morgen, der einen schwören lässt nie wieder Alkohol trinken zu wollen. Doch sobald die nächsten Anspannungszustände kamen, ging alles von vorne los.

Erst im Alter von 16 oder 17 Jahren wurde ich im Laufe einer Therapie mit verschiedenen Ersatzhandlungen bekannt gemacht, die mir auch heute noch helfen dem Druck sich zu schneiden zu umgehen und Spannungszustände auf andere und vor allem gesündere Art und Weise aufzulösen. Je nach Stärke und Auslöser der Spannung, gibt es passende Ersatzhandlungen, die man durchführen sollte.

Dass ich erst relativ spät, also rund 3 bis 4 Jahre nach dem ersten Ausführen von selbstverletztenden Verhaltenhaltensweisen und dem ersten Auftreten depressiver Symptome an Hilfe kam, hatte einen besonderen Grund.

Meine Mutter nahm meine psychischen Probleme immer als persönliche Beleidigung gegen ihren Erziehungsstil wahr. Sie tat es als pubertäre Laune ab und reagierte mit Aggression, Wut und Vorwürfen auf meine Narben. „Warum tust du mir das an? Was habe ich falsch gemacht?“ Meine Beteuerungen wirklich Hilfe zu brauchen galten als ‚Theater‘. Meine Probleme wurden als ‚Schwachsinn‘ betitelt und mir wurde vorgeworfen lediglich Aufmerksamkeit zu suchen. Für meinen Vater und meine Schwester war ich wohl zu anstrengend und sie hielten sich aus der ‚Sache‘ raus.

Ich war relativ früh bereit mir psychiatrische Hilfe zu suchen und eine Therapie zu beginnen, was in anderen Familien vermutlich Erleichterung ausgelöst hätte. In meiner Familie wurde es mir aber einfach nicht erlaubt.

Erst als mein Zustand sich über die Jahre immer weiter verschlechterte und eine meiner Verletzungen mich zum Notarzt brachte, fing meine familiäre Situation an, sich zu wandeln. Ich weiß bis heute nicht, was an diesem Tag geschah, doch meine gesamte Familie war wie ausgewechselt und ich vermute bis heute, dass einer der Notärzte mit ihnen sprach und sie anfingen zu verstehen. Ich hab nie gefragt. Ich hab die Veränderung dankend angenommen. Man nahm mich und meine Probleme ernst und wir fingen zusammen an mir Hilfe zu suchen.

Wie bereits erwähnt, glaube ich keine von den Jugendlichen gewesen zu sein, die sich selbst verletzten, weil sie es sich irgendwo abgeschaut haben oder einem Trend folgen wollten, obwohl ich selbst auch im frühen Jugendalter mit SVV angefangen habe.

Junge Menschen sehen oft Narben und Verletzungen bei anderen Peers oder im Internet und machen es ihnen einfach nach. Es gibt Betroffene, die ihre Verletzungen offen zeigen, damit sie bemerkt werden und Betroffene, die sich vor den Augen anderer die Haut aufschneiden oder verbrennen.

Personen, die derart nach Aufmerksamkeit verlangen, denen sollte man, you guessed it, Aufmerksamkeit und Hilfe geben. Jeder Mensch, der seinen Körper bewusst verletzt (sexuelle Vorlieben seien mal dahin gestellt), braucht Hilfe, Unterstützung und jemanden der zuhört. Dumme Fragen, Aggressionen, Vorwürfe und Spott sind das Allerletzte, das diese jungen Menschen brauchen. Eltern oder Freunde, die wütend werden, es als Aufmerksamkeitssucht deklarieren und sich selbst dadurch angegriffen fühlen, sind absolut fehl am Platz. Diese Art der Reaktion auf Selbstverletzendes Verhalten kann gleiches triggern.

Warum wird insbesondere bei Jugendlichen immer von der ‚Suche nach Aufmerksamkeit‘ anstatt der ‚Suche nach Unterstützung‘ gesprochen?

Denn selbst wenn Betroffene sich selbst schneiden, weil sie an Aufmerksamkeitssucht leiden, ist das ein pathologischer Zustand, der nach Klärung und Besserung verlangt.

Ich bin mir mittlerweile sicher, dass man mir hätte früher helfen sollen und können, wenn man mich und meine Probleme bloß ernstgenommen hätte. Und vielleicht wäre mein heutiges Leben dadurch einfacher und von weniger Symptomen geplagt.

Ich möchte mit diesem Blogeintrag den gleichen Beitrag leisten, wie einer der Notärzte damals bei meiner Familie. Ich möchte Eltern, Geschwistern, Verwandten und Freunden von Betroffenen wärmstens ans Herz legen, bei Entdeckung von SVV-Narben unbedingt mit Ruhe, Verständnis und Hilfsbereitschaft zu reagieren. Es kann nicht falsch sein, nachzufragen ob und wie man helfen kann. Ich weiß selbst, wie es sich anfühlt sich nach Unterstützung zu sehnen und keine zu bekommen. Betroffene sollten nicht unter Druck gesetzt werden und Sätze hören wie „Wenn du nicht damit aufhörst, dann…“. Man muss ihnen keine Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen machen, denn glaubt mir, das haben sie bereits.

Auch wenn es bizarr klingt, gilt die Bereitstellung von Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel und Material zur Wundheilung als bessere Unterstützung, als die Wegnahme von Rasierklingen und Messern. Letztendlich gilt es nur Unterstützung zuzusichern, die man auch wirklich bereit ist zu geben, um weitere Enttäuschungen zu vermeiden.

Selbstverletzung ist ein unheimlich intimes und komplexes Thema, welches erfordert, dass Angehörige sich unbedingt ausgiebig darüber informieren, wenn ihnen das Wohlergehen der Betroffenen am Herzen liegt.

Ich habe einige betroffene Personen gebeten mir ihre Erfahrungen und Gefühle in Bezug auf selbstverletztendes Verhalten zu schildern. Ihre mutigen und wichtigen Beiträge zum Thema findet ihr ebenfalls hier auf meinem Blog.

Borderline ist sexy

Du hast Borderline?! Das ist so typisch. Bipolare Frauen und Borderlinerinnen ziehen mich quasi magisch an haha.“

Borderlinerinnen sind anziehend und aufregend. Sie interessieren mich einfach mehr als andere Frauen. Sie sind nicht so langweilig.“

Ich geb’s ja nicht gern zu, aber Frauen, die verrückt sind, finde ich einfach heiß. Borderline ist da perfekt. Im Bett geht es meistens zur Sache.“

Sätze wie diese, oder in ähnlicher Form mit gleicher Kernaussage, habe ich in den letzten Jahren nicht nur einmal von Bekannten und auch Fremden gehört. Ich höre sie immer wieder, ungeachtet dessen ob Menschen von meiner Persönlichkeitsstörung wissen, oder nicht. Besonders häufig höre ich diese Aussagen jedoch von Männern, die mich und mein Leben über Kanäle wie Twitter und Instagram verfolgen und sich in meine Direktnachrichten verirren. In den Nachrichten, die ich bekomme, wird meine Persönlichkeitsstörung ohne Scham sexualisiert und fetischisiert und ich habe mich gefragt, seit wann das okay ist.

Denn ungefähr im Alter von 16 Jahren wurde ich mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) diagnostiziert und jetzt, knapp 7 Jahren später, habe ich nach wie vor damit zu kämpfen.

In diesem Blogeintrag verarbeite ich meine eigenen Erfahrungen hinsichtlich der Sexualisierung von Borderline und anderen psychiatrischen Störungen. Da ich selbst betroffen bin, werde ich mich auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung konzentrieren.

Schau ich mir die allgemeine Symptomatik von Borderline und meine eigenen Symptome an, frage ich mich, was genau an der Störung für manche Personen so anziehend wirkt, denn ich tue mit meiner Krankheit genau das was man mit einer Krankheit nun einmal tut, ich leide. Eventuell gelten psychiatrische Störungen ja für viele Menschen immer noch als exotisch, ausgefallen, exzentrisch und aufregend, da sie anders als somatische Erkrankungen nach wie vor so gut wie totgeschwiegen werden. Vielleicht werden wir aber auch einfach als Herausforderung gesehen oder man verbindet mit ‚crazy girls‘ auch unkonventionellen und ‚crazy‘ Sex.

Möglich ist allerdings auch, dass Personen, die ebenfalls unter psychischen Problemen leiden, sich zu anderen Betroffenen hingezogen und bei ihnen verstanden fühlen. (Was jedoch in den meisten Fällen drastisch nach hinten losgehen und den Zustand beider Personen verschlechtern kann).

Emotional-Instabile Persönlichkeitsstörung des Borderline-Typ

Es gibt sicherlich viele unterschiedliche Gründe für diese Form der Faszination und Attraktion, wirklich gefährlich jedoch wird es, wenn sich Personen die Symptomatik von Borderline in Beziehungen aktiv zu Nutze machen. Wenn sie verstehen, wie heftig und bedingungslos wir lieben, wie groß die Angst vor dem Verlassenwerden für uns ist, wie abhängig wir von einer Person werden können und wie wir fast oder auch alles dafür tun würden, um nicht verlassen zu werden. Das nährt manipulative Persönlichkeiten und verschlimmert die Symptomatik von Betroffenen erheblich. Diese Menschen fetischisieren eine missbräuchliche Abhängigkeitsbeziehung, in der es nicht darum geht dem Partner auf Augenhöhe zu begegnen, sondern aufgrund seiner psychischen Disposition auszunutzen. In diesem Fall wird sich nicht für unsere psychische Verfassung interessiert. Von Interesse ist nur die Macht, die man über uns ausüben und für eigene Zwecke nutzen kann. In dieser Form der Beziehung geht es um bewusste Ausbeutung und um Missbrauch.

Ich selbst habe mich ebenfalls in der Vergangenheit durch eben so eine Person emotional, körperlich und sexuell ausbeuten lassen, da meine Störung mir weismachte, ich könne ohne die Aufmerksamkeit dieser Person nicht weiterleben und dass die folgenschweren Dinge, die ich mit mir machen ließ, nötig wären, um nicht alleine gelassen zu werden. Bekomme ich nun die Nachricht „Borderlinerinnen ziehen mich einfach an.“, schrillen bei mir mittlerweile alle Alarmglocken.

Nun kann ich nicht mit absoluter Sicherheit beantworten, was vor allem Männer zu den am Anfang des Texts aufgeführten Aussagen verleitet, ich kann allerdings aus meiner Sicht versuchen zu erklären, warum diese Krankheit eben nicht sexy und heiß ist.

Falls jemand von euch sich seltsamerweise nicht mit Cluster B-Persönlichkeitsstörungen des DSM auskennt, hier die Erklärung zu Borderline:

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung wird im Kern durch hohe Impulsivität und Instabilität von Emotionen und der Stimmung, der Identität sowie zwischenmenschlichen Beziehungen charakterisiert. Für Borderliner/-innen existieren nur Extreme, alles ist schwarz oder weiß, großartig oder desaströs. Das Leben mit dieser emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung ist eine einzige endlose Achterbahnfahrt. Man sitzt angeschnallt da, fährt auf und ab und auf und ab und kann nichts dagegen tun. Man kann die Fahrt nicht steuern.

Ich persönlich machte in meiner ‚Karriere‘ als Borderlinerin ständig Erfahrungen mit irrationalen Wutausbrüchen, paranoiden Wahnvorstellungen und Selbstmorddrohungen sowie einem immer wiederkehrendem Gefühl von innerer Leere. Vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen beherrschen die absolute Panik vor dem Verlassenwerden und widersprüchlich dazu, die große Angst vor emotionaler Nähe, mein Handeln. Im Umgang mit anderen Personen bin ich oft sehr unsicher. Es fällt mir nicht leicht einzuschätzen, wie ich auf andere Menschen und meine Umgebung wirken.

Wie viele andere Borderliner/-innen leide ich an einem geringem Selbstwertgefühl, das Selbstbild bröckelt und der Wechsel zwischen Selbstliebe und Selbsthass erfolgt spontan. Denn auch intrapersonell kämpfe ich mit der Konstruktion einer gefestigten Persönlichkeit und Identität, die mir die Impulsivität und Emotionalität der Störung immer wieder einreißt. Ich weiß nicht wer oder wie ich wirklich bin, ändere mein Verhalten und meine Denkweise täglich und verliere mich in meinem eigenen Gefühlschaos.

Borderline-Patient/-innen sind gezwungen sich ihren immensen Gefühls- und Stimmungsschwankungen hinzugeben und leiden aufgrund dessen unter heftigen Anspannungszuständen, die als unerträglich und extrem qualvoll wahrgenommen werden können. Sie verleiten uns dazu Dinge zu tun, die unserem Körper, unserer Psyche und unserem Lebensweg schaden, um die innere Spannung abzubauen.

Für einen Partner oder eine Partnerin, die es ernst mit uns meint und uns wirklich liebt, kann das Zusammenleben mit Betroffenen ein schwer zu ertragender Zustand sein. In den schwersten Zeiten müssen unsere Partner/-innen plötzliche Wutausbrüche, Stimmungsschwankungen, abrupte Zurückweisungen und sogar Selbstmorddrohungen auffangen und aushalten, denn wir suchen außergewöhnlich engen und intensiven Kontakt und werden bereits durch Kleinigkeiten zutiefst verletzt und gekränkt. Borderliner/-innen idealisieren ihre Partner/-innen anfangs, stellen einen Alleinanspruch auf ihre Liebsten und reagieren mit Eifersucht und Aggression, wenn dieser Anspruch nicht erfüllt wird. Es kommt zu irrationalem Misstrauen gegenüber unseren Partner/-innen und Freunden und die Idealisierung von damals wechselt in Verachtung über.

Für diese Menschen ist das nicht anziehend oder aufregend. Es ist ermüdend und kaum haltbar. Viele Beziehungen und Freundschaften halten diese Belastung nicht aus.

Für Personen, die psychische Krankheiten sexualisieren und uns Borderliner/-innen ‚geil‘ finden, ist eine Affäre mit einer erkrankten Person ein kurzzeitiges Abtauchen in eine aufregend berauschende, emotionale Welt. Für Betroffene jedoch, ist es ein Tiefgang ohne Auftrieb. Unser Kopf wird immer schwerer und wir sinken tiefer und tiefer. Wir können nicht Schlussmachen, wenn es zu anstrengend wird und nicht mehr ’sexy‘ ist. Wir können unseren Kopf nicht einfach abwerfen und zurücklassen.

Die Störung zu sexualisieren ist respektlos gegenüber allen Betroffenen und ihren Angehörigen, denen langsam die Kraft ausgeht.

Versteht mich nun bitte nicht falsch, denn ich werde wirklich gerne als sexy und attraktiv bezeichnet, allerdings abseits von der Krankheit, von der ich jeden Tag versuche mich zu distanzieren. Borderline legt mir immer wieder Steine in den Weg und lässt mich aus Impulsivität Dinge tun, die ich eigentlich gar nicht möchte. Ich verbringe beinahe jeden Tag mit dem Versuch, zu identifizieren was zu meiner wirklichen Persönlichkeit und was zu meiner Störung gehört, sofern das überhaupt möglich ist. Nennt man mich aufgrund meiner Krankheit sexy, nimmt man mir wieder ein Stück ‚Ich‘ weg, das ich mir mühsam erarbeiten muss. Ich versuche jeden Tag meine Identität und Persönlichkeit aufs Neue zu festigen, ich gebe mein Bestes nicht aus einer Gefühlslage oder Impulsivität heraus zu agieren, sondern festzulegen, was für mich selbst und mein Leben am besten ist.

Es ist ein konstanter Kampf gegen meinen eigenen Kopf. Fetischisierung der Persönlichkeitsstörung diskreditiert diesen Kampf und nimmt mir den Wind aus den Segeln. Borderline ist nicht schön, weder von innen noch von außen, weder für mich selbst noch für Außenstehende. Borderline darf einfach nicht sexualisiert werden, denn Borderline ist nicht sexy. Unser Leid muss ernst genommen werden.

Ich hoffe, dass ein paar jener Männer aus meinen Direktnachrichten, sich, wenn sie auf diesen Blogeintrag stoßen, in den oberen Aussagen wiedererkennen und idealerweise für sich reflektieren, warum sie diese Aussagen überhaupt trafen.