Catcalling verbieten: „Man darf ja gar nichts mehr.“

Ich gehe fröhlich und ungezwungen mit meiner Freundin durch die Straßen Münchens. Die Sonne scheint und es ist warm, aber windig. Wir haben gute Laune und genießen die gemeinsame Zeit. Als der Wind mein lockeres Kleid hochweht, höre ich eine Gruppe an älteren Männern freudig klatschen und Laute der Begeisterung ausrufen. Let’s talk about it.

Catcalling. Verbale sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit, in der Regel in Form von sexuell aufgeladenen Kommentaren bezüglich des Körpers und des Aussehens der belästigten Person. Catcalling wird meistens von Männern, oft in Gruppen, ausgeführt und richtet sich größtenteils an Frauen und weiblich gelesene Personen.

,,Hey na, Schöne? Komm doch mal rüber quatschen.“

,,Ich gehe durch den Stadtpark zum Bahnhof. Auf einer Bank 3 ältere Männer, sichtlich angetrunken, rufen mir hinterher: ‚Was ist das denn für ’ne Fotze? Rost auf’m Dach heißt feuchter Keller‘.“

Auf Twitter habe ich, unabhängig des Geschlechts und der Sexualität, nach Erfahrungsberichten bezüglich Catcalling gefragt. Wie vermutet, gehen ein Großteil der Belästigungen von Männern aus und richten sich an weiblich gelesene Personen, sehr häufig auch an minderjährige Mädchen, die sich noch schlechter gegen Catcalling wehren können. De facto werden jedoch Personen jedes Geschlechts und jeder Sexualität von Catcalls belästigt.

,,Mir sind 3 Männer entgegen gekommen, die bereits von Weitem gegafft haben. Ich hab dann mein Handy rausgeholt und aus Nervosität drauf geschaut. Der Typ, der mir am nächsten war hat dann gebrüllt: ‚Guck mich an, du sexy Schlampe, wenn du an mir vorbeikommst.'“

,,Kopf hoch, zeig mir dein hübsches Gesicht!“

Viele der Erfahrungen der Personen auf Twitter hörten nicht bei verbaler sexueller Belästigung auf. Aus Catcalling wurde sehr schnell körperliche sexuelle Belästigung und eine extrem bedrohliche Situation, denn besonders wenn Täter:innen Aufmerksamkeit verwehrt bleibt und die Ausrufe an „Komplimenten“ ignoriert werden, eskaliert die Situation.

,,Ich werde leider oft angehupt und dann werden eindeutige Gesten gemacht oder mir Sachen zu gerufen. Dabei ist es dann egal, ob ich Jogginghose an hatte oder top gestylt war. Danach geht man mit einem ganz merkwürdigen Gefühl weiter.“

Bei Catcalls handelt es sich nämlich nicht um Komplimente, denn Komplimente machen keine Bauchschmerzen oder das Gefühl im Erdboden versinken zu wollen. Komplimente erzeugen keine Angst, bringen einen nicht dazu die Straßenseite wechseln zu müssen, lassen einen nicht darüber nachdenken, wie man sich im schlimmsten Fall am besten wehrt und machen den Aufenthalt in der Öffentlichkeit nicht zu einem Spießrutenlauf.

Es geht hier eben nicht um eine freundlich lächelnde Person, die auf dich zukommt und fragt „Hey, ich find‘ dich wirklich toll und wollte fragen, ob wir Nummern tauschen und uns zum Kaffee treffen können?“ und ein nettes „Trotzdem einen schönen Tag noch“ da lässt, wenn sie abgewiesen wird.

Es geht darum:

,,Ich habe während der Quarantänezeit mit Inlineskating angefangen. Jedes Mal ist mindestens ein Auto neben mir hupend langsamer gefahren, kombiniert mit Sprüchen wie ‚Ey du geile Sau‘.“

,,Ein Mann hat mir in der Altstadt, während ich auf meine Freundin wartete, hinterher gepfiffen und gefragt ‚Bist du schwanger, oder kann ich dich ficken?'“

,,Ich war mit meiner damaligen Freundin in der Stadt und wir haben Händchen gehalten und uns auch geküsst. Wir waren 14 oder 15 und uns wurde ‚Geile Lesben‘ und ‚Hört nicht auf‘ zugerufen.“

,,Ich habe jetzt schon Angst, wenn meine Töchter ins Teenageralter kommen, wenn ich das alles lese.“

Viele dieser Beiträge sind sehr krasse Beispiele für Catcalling und hohe Formen verbaler sexueller Belästigung.

Ich möchte verhindern, dass Täter:innen meinen Text lesen und denken „Naja, ich ruf ja nur nette Dinge hinterher und pfeif mal hier und da.“, denn auch das ist bei den meisten Personen unerwünscht. Auch ein simples Pfeifen löst bei Betroffenen Empörung, Wut, Unwohlsein und bei extrem unsicheren Frauen (zu denen ich selbst auch gehöre) Angst aus. Ich bin müde, die Frage zu beantworten wo Komplimente denn aufhören und wo bereits Catcalling beginnt. Die Frage, mit der man sich befassen sollte ist, wo Catcalling zu handfester sexueller Belästigung wird und die Antwort lautet: Immer.

,,Ich war 14 und mir wurde von einem über 30-Jährigen Zeitungsverkäufer Geld für ‚Einmal ficken hinterm Bahnhof‘ angeboten.“

,,Morgens um 7 Uhr auf dem Weg zur Arbeit und ich habe gegähnt: ‚Ach du willst mir einen blasen?'“

Catcalling beginnt mit einem simplen Pfeifen und Hupen, mit einem „Hey, Süße“ oder „Na, du bist aber schön!“

Das sind nämlich keine Ausdrücke von Wertschätzung und Interesse. Das sind keine Komplimente. Catcalling gilt als Ausdruck von Macht und Dominanz und wird deshalb in der Regel von heterosexuellen Männern ausgeführt. Genau aus diesem Grund, kommen Catcalls meist gezielt in Situationen vor, in denen sich Betroffene in einer Position befinden, in der sie sich nur schwer wehren können. Wenn Täter:innen sich in Gruppen oder im Schutz ihrer Autos befinden, sie den Opfern körperlich überlegen oder die betroffenen Person minderjährig sind. Der Schutz der Dunkelheit und der Mangel an Zeugen in späten Stunden, sowie ein steigender Alkoholpegel, der Täter:innen einen Schwung an Stärke und Selbstbewusstsein schenkt, sind perfekte Voraussetzungen für Catcalling. Häufig werden Personen auch gecatcalled, wenn sie gerade weinen oder emotional überfordert zu sein scheinen.

Täter:innen catcallen also, weil sie es können und sich selbst damit auf ein höheres Podest stellen wollen. Sie tun es nicht, um einer Frau oder anderen Betroffenen ein gutes Gefühl zu geben. Catcalls haben genau so wenig mit Komplimenten zu tun, wie Vergewaltigungen mit Sex.

,,Ich war 22 und Soldat. War auf dem Heimweg von der Kaserne. Ein etwa 40 bis 50-Jähriger Mann hat mich am HBF angesprochen und gefragt, ob ich strammer Kerl nicht mal Lust hätte ordentlich von ihm durchgefickt zu werden.“

,,Ich hatte mal pinke Haare für ein Jahr. Mir wurde hinterher gerufen, dass ich eine ‚geile Schwuchtel‘ wäre.“

Täter:innen merken oft an, dass Verbote ihre Freiheit einschränken würden, man dürfe ja vor allem ‚als Mann‘ gAr NiChTs MeHr SaGeN. Wer sich durch ein Verbot von Catcalling angegriffen fühlt und das Gefühl hat, er dürfe nicht einmal mehr Komplimente an Frauen verteilen, der weiß, dass das was er tut bereits sexuelle Belästigung ist. Der weiß, dass das was er tut nicht mehr okay ist.

,,In der S-Bahn meinte mal ein älterer Mann zu mir, dass ihn ,,meine blauen Haare so furchtbar anmachen“.“

,,Ich war 12 oder 13, trug einen Rock. Ein Mann hatte darunter geguckt und mir dann gesagt, dass er meinen Slip sehr sexy findet.“

In Wahrheit schränkt Catcalling auf der Straße nämlich die Freiheit von Betroffenen ein, nicht die der Täter:innen.

Mir passiert Catcalling nämlich häufig, aber definitiv nicht immer, im Sommer, wenn Täter:innen meine leichte Kleidung lieber auf sich, als auf das warme Wetter beziehen. Mit dem ersten Schritt aus dem Haus lande ich auf dem Präsentierteller. Ich bin gerade auf dem Weg zur Arbeit, zu einem Treffen mit Freunden oder drauf und dran meinen kleinen Neffen vom Kindergarten abzuholen, wenn mir hinterher gepfiffen, gerufen und gehupt wird. Ich fühle mich eingeschränkt in der Art wie ich mich kleide, in der Art wie ich mich schminke, in der Art wie ich mich in der Öffentlichkeit bewege. Durch Catcalling drängen sich Täter:innen in den Personal Space der Betroffenen und zwingen sie tagtäglich in die Defensive, in welcher das Ignorieren von Kommentaren nicht als Abwesenheit einer Reaktion, sondern als passive Aggression angesehen wird, die weitere verbale Belästigungen rechtfertigt.

,,Erster sonniger Tag im Frühling, ich trage einen knielangen engen Rock und warte auf die Tram. Ein Mann stellt sich neben mich „Lust zu ficken?“ Seither warte ich mit Sommerkleidung zwei Wochen länger.“

Uns Betroffenen wird regelmäßig nachgepfiffen, als wären wir Hunde, oder eben Katzen, oder eben auf zwei Beinen laufende Pussies, die ihre Aufmerksamkeit gefälligst auf ihr Herrchen richten sollen, da er sonst böse mit uns wird.

Und ja. Natürlich gibt es Frauen, die Catcalling genießen. Es gibt auch Frauen, die es genießen überraschend Dick Pics in ihren privaten Nachrichten zu finden. Und es gibt Frauen, die es genießen auf der Straße von fremden Männern angepisst zu werden. Das richtige Verhalten besteht jedoch daraus, davon auszugehen, dass man auf eine Frau trifft, die es als sexuelle Belästigung auffasst.

Denn Catcalling ist in meinen Augen gesellschaftlich geduldete sexuelle Belästigung, mit welcher besonders als weiblich gelesene Personen nun einmal lernen müssen klar zukommen, besonders wenn sie Haut zeigen. Es wird als normal angesehen, als etwas, das im Alltag einer ‚herkömmlichen‘ Frau eben vorkommt. Wir führen einen von verbaler sexueller Belästigung dominierten Alltag. Und das muss geändert werden. Es muss zumindest ein Zeichen dagegen gesetzt werden. Und dieses Zeichen wäre, verbale sexuelle Belästigung in Form von Catcalling als eigenen Straftatbestand zu etablieren. Ein Verbot und die strafrechtliche Verfolgung dessen, schützt nicht nur Frauen, sondern alle Betroffenen, besonders die Minderjährigen.

,,Ich werde von wildfremden Menschen oft gefragt was ich denn sei ‚Junge oder Mädchen?‘ und je nachdem was ich dann antworte, entscheiden die dann ob ich ihre Aufmerksamkeit und ihr ‚Kompliment‘ verdiene oder nicht.“

,,Ich, in bestem Dienstanzug, nach dem Melden bei der neuen Kompanie, fahre heim und hol unterwegs noch 2-3 Sachen: ‚Also unter die Uniform würd‘ ich schon gern mal drunter schauen.‘ Mit Kichern.“

Grund dieses Blogeintrags ist nämlich die Petition ‚Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein‚. Ins Leben gerufen durch Antonia Quell und zur Zeit der Verfassung dieses Beitrags noch 4 Wochen online. Dieser Text soll idealerweise genug Menschen davon überzeugen die Petition zu unterschreiben und Catcalls, wie in Frankreich, Portugal und den Niederlanden bereits etabliert, zum eigenen Strafbestand machen. Das Gesetz würde sich gleichermaßen auf jedes Geschlecht beziehen und demnach alle von verbaler sexueller Belästigung betroffenen Personen schützen.

,,Der Klassiker: Bauarbeiter pfeifen mir hinterher. Mit Rock und Feinstrumpfhose durch die Innenstadt: Hinterher gerufene Kommentare oder Pfiffe. Wenn ich an manchen Tage keine Energie dazu habe, trage ich keinen Rock, obwohl ich Bock drauf habe.“

,,Mir kamen mal zwei Typen in der Stadt entgegen und wir sind vor einem vollen Außenbereich eines Cafés aneinander vorbei gelaufen. Da meint einer von beiden zu seinem Kumpel laut hörbar: ‚Er ist aber auch ein süßer, lutscht bestimmt gern Schwänze.'“

In meinen Beitrag habe ich Erfahrungen einfließen lassen (in pink), die noch als ‚Catcalling‘ und verbale sexuelle Belästigung gelten. Ich lege allerdings jeder Person ans Herz sich die über 200 Beiträge unter meinem Tweet durchzulesen, um zu sehen wohin Catcalling führt und warum es den meisten Betroffenen derart große Angst macht, sexuell konnotierte Kommentare auf der Straße hinterher gerufen zu bekommen. Und ganz wichtig: Warum man die Petition unterschreiben sollte.

PS: Ich finde es okay, wenn man mich nach dem Lesen dieses Beitrags als „frustrierten Feminazi“ bezeichnet, denn ich bekam schon weitaus Schlimmeres zu hören, und zwar in Form von verbaler sexueller Belästigung auf der Straße.