Disempowering Men – Lasst die Männerjagd beginnen.

-Nicht. Denn der moderne Feminismus soll kein männerhassender Kampf auf dem Weg zur Herrschaft des Matriarchats werden. Er hat schlichtweg Besseres zu tun.

Der Ruf des Feminismus scheint heutzutage kaum noch zu retten zu sein. Feministinnen gelten als frigide und neurotische Trockenpflaumen, die anfangen wütend rumzuschreien, wenn ein Mann ihnen nett die Tür aufhalten oder ein Kompliment machen will, denn Männer stehen bei uns grundsätzlich unter Generalverdacht. Wir brüllen laut ‚Vergewaltigung!‘ wenn sich uns ein Mann auf einen Meter nähert, natürlich nur wenn wir Glück haben, dass sich uns ein Mann auf einen Meter nähert, denn wer will uns schon ficken? Wir verstoßen glückliche Hausfrauen und Mütter, denn wissen die nicht, dass man als Frau heutzutage Karriere machen soll? Und außerdem sind wir alle Lesben und wenn nicht, tun wir so als wären wir’s, denn Männer sind das ‚Böse‘.

Diese Vorurteile über Feministinnen und den Antifeminismus an sich, gibt es allerdings bereits genau so lang wie den Feminismus selbst. Das ist nicht neu. Denn je schlechter der Ruf des Feminismus, desto besser ist es für Personen, die sich in der patriarchalischen Welt wohlfühlen und von ihr profitieren.

Doch entgegen der Erwartung vieler Antifeminist:innen möchten wir nicht, dass Männer Frauen nicht mehr die Türen aufhalten, sondern dass man jeder Person die Tür aufhält und nicht nur einer attraktiven Frau, um ihr im Anschluss auf den Arsch zu starren.

Wir möchten ebenfalls nicht, dass Frauen nicht mehr zuhause bleiben, um sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Wir möchten, dass sich die Frau frei dafür oder eben dagegen entscheidet und beides frei von Vorurteilen und Verurteilung bleibt.

Und zuallerletzt: Wir lieben Männer, wir wollen sie bloß nicht brauchen müssen.

Dieser Beitrag soll keinen weiteren Keil zwischen die Geschlechter treiben. Er soll erklären was es mit dem modernen Feminismus wirklich auf sich hat. Und dafür gibt es zu Anfang die wirklich sehr schöne und auf den Punkt bringende Wikipedia-Definition der Bewegung. (ja, ich weiß):

Feminismus (über französisch féminism abgeleitet von lateinisch femina ‚Frau‘ und -ismus) ist ein Oberbegriff für gesellschaftliche, politische und akademische Strömungen und soziale Bewegungen, die, basierend auf kritischen Analysen von Geschlechterordnungen, aller Menschen jeglichen Geschlechts sowie gegen Sexismus eintreten und diese Ziele durch entsprechende Maßnahmen umzusetzen versuchen.

Aber warum heißt es Feminismus und nicht Equalismus oder Neuterismus, wenn es lediglich um Gleichstellung geht?:

Die Bewegung heißt Feminismus, da sie Gleichberechtigung und Akzeptanz ausgehend von den Bedürfnissen der benachteiligten Gruppe, der Frauen und weiblich gelesenen Personen, fordert. In einer de facto patriarchalischen Kultur, müssen Frauen und weiblich gelesene Personen auf die gleiche gesellschaftliche Stufe geholt werden wie Männer. Klassische und stereotypische Rollenverteilungen sollen kritisiert werden, um eben auch Männern und männlich gelesenen Personen mehr Freiheiten zu bieten.

„Blödsinn, ihr seid doch alle Feminazis.“

Feminazi: Eine Person mit extremen, radikalen Sichtweisen und männerfeindlichen/männerhassenden Tendenzen, die sich Feminist:in nennt und glaubt ihren Aussagen dadurch Relevanz und Glaubwürdigkeit zu schenken, dem Ruf des Feminismus so jedoch erheblich schadet.

In absolut jeder Strömung und Bewegung gibt es extreme Gruppierungen, die den Sinn der eigentlichen Sache falsch verstehen (wollen). Personen verbreiten ihre radikalen Beliefs und sagen Dinge wie #menaretrash und nennen es Feminismus, um dadurch zu suggerieren, dass es okay ist. Es ist nicht okay. Und so sehr ich auch die Wut und Frustration mancher ‚Feminazis‘ verstehen kann, genau so sehr glaube ich, dass diese Wut in Energie umgewandelt und auf die richtige Sache gelenkt werden muss.

Aber Frauen in Deutschland haben doch keine ‚echten‘ Probleme mehr:

Am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen und gewählt werden. Das Frauenwahlrecht, das für uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen schweren Widerstand von Männern und Frauen durchsetzen. (Antifeminismus war also schon immer modern). Da Frauen eine geringere Intelligenz und durch den Besitz eines Uterus eine Bestimmung für das Kinderkriegen im privaten und häuslichen Raum zugeschrieben wurde, galten sie im politischen Bereich als deplatziert.

Der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ wurde allerdings erst am 23. Mai 1949 im Artikel 3, Abs. 2 unseres Grundgesetzes als Verfassungsgrundsatz aufgenommen. Dies galt jedoch lediglich als formale Gleichberechtigung, die noch lange nicht die Realität erreichte, da erst ab dem 1. Juli 1958 das Gleichberechtigungsgesetz galt. Ehemänner hatten jedoch weiterhin die Entscheidungsgewalt darüber, ob ihre Ehefrau berufstätig sein durfte, oder nicht. Erste Aufgabe einer Ehefrau blieb nun einmal die Haushaltsführung und Kindererziehung.

Bis zum Jahr 1959 galt der Stichentscheid des Ehemannes, der ihm erlaubte, Entscheidungen in allen Fragen des gemeinsamen Zusammenlebens zu treffen und erst ab den späten 60er Jahren führten Jugend- und Frauenbewegungen dazu, dass das frauenfeindliche Familienbild im Ehe- und Scheidungsrecht Geschichte waren. Zumindest auf dem Papier. Die Vergewaltigung in der Ehe wurde allerdings erst ab 1997 als eigenen Straftatbestand eingeführt.

Der Weg zur rechtlichen Gleichberechtigung von Männern und Frauen war in Deutschland dementsprechend ein langer und steiniger Weg. Und auch heute, im Jahr 2020, sind Frauen in der Gesellschaft strukturell nicht gleichberechtigt, auch wenn es auf dem Papier so scheinen mag. Laut dem WEF-Forscher Roberto Crotti, hinkt Deutschland vor allem in der Wirtschaft bei der Gleichberechtigung der Geschlechter im Vergleich zu anderen Ländern hinterher. Andere Länder besitzen einen höheren Anteil von Politikerinnen und Frauen in Führungspositionen und obwohl Frauen auf dem Arbeitsmarkt fast gleichberechtigt beteiligt sind, verdienen Männer nach wie vor deutlich besser. Vor allem in neuen und modernen Berufsbildern sind Frauen stark unterrepräsentiert.

Man muss auch im Jahr 2020 erkennen können, dass viele Sachverhalte nicht an individuellen Problemen liegen, sondern dass es nach wie vor strukturelle Nachteile gibt, die mit dem Geschlecht zusammenhängen. Zum Beispiel, dass vor allem alleinerziehende Mütter auf Wohnungssuche kaum eine Chance haben, oder dass bei Frauen im jungen Alter lieber zwei Mal überlegt wird, ob man sie einstellt ‚da sie ja bald Kinder bekommen könnten‘. Um Karriere machen zu können, müssen Mütter immer noch strukturelle Hürden überwinden (Stichpunkt: Angebote zur Kinderbetreuung) und mit gesellschaftlichen Normen klarkommen, die zum Beispiel die eigene Familie oder auch die Nachbarn stellen. Kinderlose Frauen, die Karriere machen, anstatt eine Familie zu gründen, gelten dann als ‚kalt‘ und ‚weniger weiblich‘. Sie würden irgendwann bereuen das große ‚Glück der Mutterschaft‘ abgelehnt zu haben.

Doch natürlich geht es Frauen und weiblich gelesenen Personen in Deutschland vergleichsweise zu anderen (nicht-westlichen) Ländern sehr gut. Und gerade dadurch, dass wir das Privileg besitzen, in Deutschland zu leben, einem Land, in welchem die Sicherheit und das Wohlbefinden von Frauen gefestigt sind, ist es uns möglich, uns mit der Selbstverwirklichung der Frau zu befassen. Der deutsche Weg der Gleichberechtigung der Geschlechter und der heutige Stand dessen, ist die Grundlage dafür, dass sich im modernen Feminismus mit neuen Aufgaben auseinandergesetzt werden kann. Feministische Ansprüche in Deutschland haben sich nun einmal weiterentwickelt und verändert. Heutzutage geht es um die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen.

Frauen und weiblich gelesene Personen sollen sich freizügig anziehen und mit zahlreichen Sexualpartner:innen verkehren dürfen, ohne sexualisiert und geslutshamed zu werden. Sie sollen sich verhüllen dürfen, ohne als unterdrückt zu gelten. Sie sollen Karriere machen dürfen, ohne dadurch weniger weiblich zu wirken. Sie sollen Mutter werden dürfen, ohne als Gebärmaschine bezeichnet zu werden. Und sie sollen Karriere und Kinder verbinden dürfen, ohne als Rabenmutter dargestellt zu werden.

Frau soll einfach frei sein, in ihrer Selbstverwirklichung und den Entscheidungen, die sie trifft.

Doch in anderen Ländern, kann sich damit noch nicht befasst werden. Mädchen und Frauen sind weltweit strukturell in ihren Rechten, ihrer Sicherheit, ihrem Wohlbefinden und ihrem Zugang zur Bildung benachteiligt. Sie sind arm an Chancen und Macht. Sie werden häufiger Opfer sexualisierter Gewalt und sind öfter von extremer Armut betroffen. Die realen und aktuellen und ‚echten‘ weltweiten Probleme der Frau sind Genitalverstümmelung, sexualisierte Gewalt gegen Mädchen, Zwangsprostitution, Sextourismus und Frauenhandel.

Der Feminismus muss anerkennen, dass Solidarität und Unterstützung für Frauen in diesen Ländern notwendig ist. Frauen und weiblich gelesene Personen nicht-westlicher Länder, müssen in ihrem Kampf für die Geschlechtergerechtigkeit ermächtigt werden. Sie brauchen Hilfe, und damit meine ich auch Hilfe und keine ‚Rettung mit Missionierungscharakter‘, denn der Hauptgrund, warum diese Frauen Unterstützung benötigen, ist der, dass westliche Länder ihnen im Rahmen der Kolonialisierung ihre Ressourcen genommen haben, bevor sie sie selbst nutzen konnten.

Die Aufgaben des modernen Feminismus:

Genau so wie sich der Feminismus der modernen Zeit verändert und weiterentwickelt hat, verändert sich auch der Antifeminismus. Es gibt stets den alten ‚Die Welt soll genau so bleiben wie sie ist und das Patriarchat ist gut so‘ – Antifeminismus und eine neue, tückischere Form. Ein Antifeminismus, der sich selbst Feminismus nennt. Denn es gibt Personen, die Fahrlässigkeiten wie ein Sexkaufverbot oder ein Abtreibungsverbot veranlassen wollen, obwohl die weibliche Freiheit dadurch leidet, anstatt zu profitieren. Diese Verbote sind kein Feminismus, denn Feminismus ist der Gedanke, dass Frauen (und auch Männer) die komplette und uneingeschränkte Kontrolle über ihren eigenen Körper haben und alle Entscheidungen diesbezüglich selbst treffen können. Unser Körper ist unser Eigentum. Ein Sexkaufverbot, ein Abtreibungsverbot oder auch der Versuch Sexualpraktiken wie BDSM als frauenfeindlich darzustellen, suggerieren das exakte Gegenteil davon.

Die Aufgaben und Baustellen des heutigen Feminismus müssen sich von diesen frauenfeindlichen Einstellungen und definitiv vom feindlichen Männerbild lösen, da dieser irrsinnige Männerhass die Aufmerksamkeit auf die falsche Sache lenkt, anstatt auf wichtige Probleme unserer Zeit. Solidarität zwischen den Geschlechtern ist von Nöten. Es geht nicht um den alten Geschlechterkampf Mann gegen Frau. Es geht um den Kampf von Menschen gegen die Geschlechterungerechtigkeit.

Der moderne Feminismus schließt Frauen, weiblich gelesene Personen und Personen, die sich als Frau identifizieren, unbedingt mit ein, und zwar unabhängig der Hautfarbe, Religion und sexueller Orientierung. Er kämpft für die Freiheit und Selbstbestimmung aller Frauen, Männer und Menschen jedes Geschlechts. Er muss sich insbesondere auf die Benachteiligung und Diskriminierung von Women of Color, Sexworker:innen und trans Frauen konzentrieren.

Befasst werden muss sich, mit der sexuellen Diskriminierung von und Gewalt gegen Frauen jeglicher Hautfarbe und die totgeschwiegene sexuelle Gewalt gegen Männer und LGBTQ.

Der Feminismus darf kein ‚weißer‘ Feminismus sein und muss die Probleme von Women of Color gerade jetzt in den Vordergrund rücken, da diese Frauen zu gleichen Teilen unter Misogynie UND Rassismus leiden, und dadurch unter einer extremen Doppelbelastung stehen, die nicht mehr geduldet werden darf und priorisiert werden muss.

Last but definitely not least, muss sich mit der strukturellen Diskriminierung von trans Menschen auseinandergesetzt werden. Denn trans Frauen sind Frauen (FCK JKR).

Es muss sich mit dem Recht auf sexuelle, reproduktive und geschlechtliche Selbstbestimmung befasst werden, gesellschaftlich zementierte Rollenbilder aufgelöst und die ’sanfte‘ Gewalt zugewiesener Biografien und Lebensführung verhindert werden. Stereotype müssen erkannt, und Menschen aller Geschlechter, die darunter leiden, müssen davon befreit werden. Denn ein Mann, der lieber zuhause bleiben möchte, um sich um die Kinder zu kümmern und deshalb als ‚kein echter Mann‘ betitelt wird, leidet genauso darunter wie eine Frau, die neben der Kindererziehung Karriere machen will und dadurch zur ‚Rabenmutter‘ wird.

Das ist der Feminismus für den ich stehe und kämpfe.

Wem diese Forderungen immer noch zu radikal sind, dem ist nicht mehr zu helfen. Doch für alle anderen gilt: Feminism is for everyone.

Catcalling verbieten: „Man darf ja gar nichts mehr.“

Ich gehe fröhlich und ungezwungen mit meiner Freundin durch die Straßen Münchens. Die Sonne scheint und es ist warm, aber windig. Wir haben gute Laune und genießen die gemeinsame Zeit. Als der Wind mein lockeres Kleid hochweht, höre ich eine Gruppe an älteren Männern freudig klatschen und Laute der Begeisterung ausrufen. Let’s talk about it.

Catcalling. Verbale sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit, in der Regel in Form von sexuell aufgeladenen Kommentaren bezüglich des Körpers und des Aussehens der belästigten Person. Catcalling wird meistens von Männern, oft in Gruppen, ausgeführt und richtet sich größtenteils an Frauen und weiblich gelesene Personen.

,,Hey na, Schöne? Komm doch mal rüber quatschen.“

,,Ich gehe durch den Stadtpark zum Bahnhof. Auf einer Bank 3 ältere Männer, sichtlich angetrunken, rufen mir hinterher: ‚Was ist das denn für ’ne Fotze? Rost auf’m Dach heißt feuchter Keller‘.“

Auf Twitter habe ich, unabhängig des Geschlechts und der Sexualität, nach Erfahrungsberichten bezüglich Catcalling gefragt. Wie vermutet, gehen ein Großteil der Belästigungen von Männern aus und richten sich an weiblich gelesene Personen, sehr häufig auch an minderjährige Mädchen, die sich noch schlechter gegen Catcalling wehren können. De facto werden jedoch Personen jedes Geschlechts und jeder Sexualität von Catcalls belästigt.

,,Mir sind 3 Männer entgegen gekommen, die bereits von Weitem gegafft haben. Ich hab dann mein Handy rausgeholt und aus Nervosität drauf geschaut. Der Typ, der mir am nächsten war hat dann gebrüllt: ‚Guck mich an, du sexy Schlampe, wenn du an mir vorbeikommst.'“

,,Kopf hoch, zeig mir dein hübsches Gesicht!“

Viele der Erfahrungen der Personen auf Twitter hörten nicht bei verbaler sexueller Belästigung auf. Aus Catcalling wurde sehr schnell körperliche sexuelle Belästigung und eine extrem bedrohliche Situation, denn besonders wenn Täter:innen Aufmerksamkeit verwehrt bleibt und die Ausrufe an „Komplimenten“ ignoriert werden, eskaliert die Situation.

,,Ich werde leider oft angehupt und dann werden eindeutige Gesten gemacht oder mir Sachen zu gerufen. Dabei ist es dann egal, ob ich Jogginghose an hatte oder top gestylt war. Danach geht man mit einem ganz merkwürdigen Gefühl weiter.“

Bei Catcalls handelt es sich nämlich nicht um Komplimente, denn Komplimente machen keine Bauchschmerzen oder das Gefühl im Erdboden versinken zu wollen. Komplimente erzeugen keine Angst, bringen einen nicht dazu die Straßenseite wechseln zu müssen, lassen einen nicht darüber nachdenken, wie man sich im schlimmsten Fall am besten wehrt und machen den Aufenthalt in der Öffentlichkeit nicht zu einem Spießrutenlauf.

Es geht hier eben nicht um eine freundlich lächelnde Person, die auf dich zukommt und fragt „Hey, ich find‘ dich wirklich toll und wollte fragen, ob wir Nummern tauschen und uns zum Kaffee treffen können?“ und ein nettes „Trotzdem einen schönen Tag noch“ da lässt, wenn sie abgewiesen wird.

Es geht darum:

,,Ich habe während der Quarantänezeit mit Inlineskating angefangen. Jedes Mal ist mindestens ein Auto neben mir hupend langsamer gefahren, kombiniert mit Sprüchen wie ‚Ey du geile Sau‘.“

,,Ein Mann hat mir in der Altstadt, während ich auf meine Freundin wartete, hinterher gepfiffen und gefragt ‚Bist du schwanger, oder kann ich dich ficken?'“

,,Ich war mit meiner damaligen Freundin in der Stadt und wir haben Händchen gehalten und uns auch geküsst. Wir waren 14 oder 15 und uns wurde ‚Geile Lesben‘ und ‚Hört nicht auf‘ zugerufen.“

,,Ich habe jetzt schon Angst, wenn meine Töchter ins Teenageralter kommen, wenn ich das alles lese.“

Viele dieser Beiträge sind sehr krasse Beispiele für Catcalling und hohe Formen verbaler sexueller Belästigung.

Ich möchte verhindern, dass Täter:innen meinen Text lesen und denken „Naja, ich ruf ja nur nette Dinge hinterher und pfeif mal hier und da.“, denn auch das ist bei den meisten Personen unerwünscht. Auch ein simples Pfeifen löst bei Betroffenen Empörung, Wut, Unwohlsein und bei extrem unsicheren Frauen (zu denen ich selbst auch gehöre) Angst aus. Ich bin müde, die Frage zu beantworten wo Komplimente denn aufhören und wo bereits Catcalling beginnt. Die Frage, mit der man sich befassen sollte ist, wo Catcalling zu handfester sexueller Belästigung wird und die Antwort lautet: Immer.

,,Ich war 14 und mir wurde von einem über 30-Jährigen Zeitungsverkäufer Geld für ‚Einmal ficken hinterm Bahnhof‘ angeboten.“

,,Morgens um 7 Uhr auf dem Weg zur Arbeit und ich habe gegähnt: ‚Ach du willst mir einen blasen?'“

Catcalling beginnt mit einem simplen Pfeifen und Hupen, mit einem „Hey, Süße“ oder „Na, du bist aber schön!“

Das sind nämlich keine Ausdrücke von Wertschätzung und Interesse. Das sind keine Komplimente. Catcalling gilt als Ausdruck von Macht und Dominanz und wird deshalb in der Regel von heterosexuellen Männern ausgeführt. Genau aus diesem Grund, kommen Catcalls meist gezielt in Situationen vor, in denen sich Betroffene in einer Position befinden, in der sie sich nur schwer wehren können. Wenn Täter:innen sich in Gruppen oder im Schutz ihrer Autos befinden, sie den Opfern körperlich überlegen oder die betroffenen Person minderjährig sind. Der Schutz der Dunkelheit und der Mangel an Zeugen in späten Stunden, sowie ein steigender Alkoholpegel, der Täter:innen einen Schwung an Stärke und Selbstbewusstsein schenkt, sind perfekte Voraussetzungen für Catcalling. Häufig werden Personen auch gecatcalled, wenn sie gerade weinen oder emotional überfordert zu sein scheinen.

Täter:innen catcallen also, weil sie es können und sich selbst damit auf ein höheres Podest stellen wollen. Sie tun es nicht, um einer Frau oder anderen Betroffenen ein gutes Gefühl zu geben. Catcalls haben genau so wenig mit Komplimenten zu tun, wie Vergewaltigungen mit Sex.

,,Ich war 22 und Soldat. War auf dem Heimweg von der Kaserne. Ein etwa 40 bis 50-Jähriger Mann hat mich am HBF angesprochen und gefragt, ob ich strammer Kerl nicht mal Lust hätte ordentlich von ihm durchgefickt zu werden.“

,,Ich hatte mal pinke Haare für ein Jahr. Mir wurde hinterher gerufen, dass ich eine ‚geile Schwuchtel‘ wäre.“

Täter:innen merken oft an, dass Verbote ihre Freiheit einschränken würden, man dürfe ja vor allem ‚als Mann‘ gAr NiChTs MeHr SaGeN. Wer sich durch ein Verbot von Catcalling angegriffen fühlt und das Gefühl hat, er dürfe nicht einmal mehr Komplimente an Frauen verteilen, der weiß, dass das was er tut bereits sexuelle Belästigung ist. Der weiß, dass das was er tut nicht mehr okay ist.

,,In der S-Bahn meinte mal ein älterer Mann zu mir, dass ihn ,,meine blauen Haare so furchtbar anmachen“.“

,,Ich war 12 oder 13, trug einen Rock. Ein Mann hatte darunter geguckt und mir dann gesagt, dass er meinen Slip sehr sexy findet.“

In Wahrheit schränkt Catcalling auf der Straße nämlich die Freiheit von Betroffenen ein, nicht die der Täter:innen.

Mir passiert Catcalling nämlich häufig, aber definitiv nicht immer, im Sommer, wenn Täter:innen meine leichte Kleidung lieber auf sich, als auf das warme Wetter beziehen. Mit dem ersten Schritt aus dem Haus lande ich auf dem Präsentierteller. Ich bin gerade auf dem Weg zur Arbeit, zu einem Treffen mit Freunden oder drauf und dran meinen kleinen Neffen vom Kindergarten abzuholen, wenn mir hinterher gepfiffen, gerufen und gehupt wird. Ich fühle mich eingeschränkt in der Art wie ich mich kleide, in der Art wie ich mich schminke, in der Art wie ich mich in der Öffentlichkeit bewege. Durch Catcalling drängen sich Täter:innen in den Personal Space der Betroffenen und zwingen sie tagtäglich in die Defensive, in welcher das Ignorieren von Kommentaren nicht als Abwesenheit einer Reaktion, sondern als passive Aggression angesehen wird, die weitere verbale Belästigungen rechtfertigt.

,,Erster sonniger Tag im Frühling, ich trage einen knielangen engen Rock und warte auf die Tram. Ein Mann stellt sich neben mich „Lust zu ficken?“ Seither warte ich mit Sommerkleidung zwei Wochen länger.“

Uns Betroffenen wird regelmäßig nachgepfiffen, als wären wir Hunde, oder eben Katzen, oder eben auf zwei Beinen laufende Pussies, die ihre Aufmerksamkeit gefälligst auf ihr Herrchen richten sollen, da er sonst böse mit uns wird.

Und ja. Natürlich gibt es Frauen, die Catcalling genießen. Es gibt auch Frauen, die es genießen überraschend Dick Pics in ihren privaten Nachrichten zu finden. Und es gibt Frauen, die es genießen auf der Straße von fremden Männern angepisst zu werden. Das richtige Verhalten besteht jedoch daraus, davon auszugehen, dass man auf eine Frau trifft, die es als sexuelle Belästigung auffasst.

Denn Catcalling ist in meinen Augen gesellschaftlich geduldete sexuelle Belästigung, mit welcher besonders als weiblich gelesene Personen nun einmal lernen müssen klar zukommen, besonders wenn sie Haut zeigen. Es wird als normal angesehen, als etwas, das im Alltag einer ‚herkömmlichen‘ Frau eben vorkommt. Wir führen einen von verbaler sexueller Belästigung dominierten Alltag. Und das muss geändert werden. Es muss zumindest ein Zeichen dagegen gesetzt werden. Und dieses Zeichen wäre, verbale sexuelle Belästigung in Form von Catcalling als eigenen Straftatbestand zu etablieren. Ein Verbot und die strafrechtliche Verfolgung dessen, schützt nicht nur Frauen, sondern alle Betroffenen, besonders die Minderjährigen.

,,Ich werde von wildfremden Menschen oft gefragt was ich denn sei ‚Junge oder Mädchen?‘ und je nachdem was ich dann antworte, entscheiden die dann ob ich ihre Aufmerksamkeit und ihr ‚Kompliment‘ verdiene oder nicht.“

,,Ich, in bestem Dienstanzug, nach dem Melden bei der neuen Kompanie, fahre heim und hol unterwegs noch 2-3 Sachen: ‚Also unter die Uniform würd‘ ich schon gern mal drunter schauen.‘ Mit Kichern.“

Grund dieses Blogeintrags ist nämlich die Petition ‚Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein‚. Ins Leben gerufen durch Antonia Quell und zur Zeit der Verfassung dieses Beitrags noch 4 Wochen online. Dieser Text soll idealerweise genug Menschen davon überzeugen die Petition zu unterschreiben und Catcalls, wie in Frankreich, Portugal und den Niederlanden bereits etabliert, zum eigenen Strafbestand machen. Das Gesetz würde sich gleichermaßen auf jedes Geschlecht beziehen und demnach alle von verbaler sexueller Belästigung betroffenen Personen schützen.

,,Der Klassiker: Bauarbeiter pfeifen mir hinterher. Mit Rock und Feinstrumpfhose durch die Innenstadt: Hinterher gerufene Kommentare oder Pfiffe. Wenn ich an manchen Tage keine Energie dazu habe, trage ich keinen Rock, obwohl ich Bock drauf habe.“

,,Mir kamen mal zwei Typen in der Stadt entgegen und wir sind vor einem vollen Außenbereich eines Cafés aneinander vorbei gelaufen. Da meint einer von beiden zu seinem Kumpel laut hörbar: ‚Er ist aber auch ein süßer, lutscht bestimmt gern Schwänze.'“

In meinen Beitrag habe ich Erfahrungen einfließen lassen (in pink), die noch als ‚Catcalling‘ und verbale sexuelle Belästigung gelten. Ich lege allerdings jeder Person ans Herz sich die über 200 Beiträge unter meinem Tweet durchzulesen, um zu sehen wohin Catcalling führt und warum es den meisten Betroffenen derart große Angst macht, sexuell konnotierte Kommentare auf der Straße hinterher gerufen zu bekommen. Und ganz wichtig: Warum man die Petition unterschreiben sollte.

PS: Ich finde es okay, wenn man mich nach dem Lesen dieses Beitrags als „frustrierten Feminazi“ bezeichnet, denn ich bekam schon weitaus Schlimmeres zu hören, und zwar in Form von verbaler sexueller Belästigung auf der Straße.