Disempowering Men – Lasst die Männerjagd beginnen.

-Nicht. Denn der moderne Feminismus soll kein männerhassender Kampf auf dem Weg zur Herrschaft des Matriarchats werden. Er hat schlichtweg Besseres zu tun.

Der Ruf des Feminismus scheint heutzutage kaum noch zu retten zu sein. Feministinnen gelten als frigide und neurotische Trockenpflaumen, die anfangen wütend rumzuschreien, wenn ein Mann ihnen nett die Tür aufhalten oder ein Kompliment machen will, denn Männer stehen bei uns grundsätzlich unter Generalverdacht. Wir brüllen laut ‚Vergewaltigung!‘ wenn sich uns ein Mann auf einen Meter nähert, natürlich nur wenn wir Glück haben, dass sich uns ein Mann auf einen Meter nähert, denn wer will uns schon ficken? Wir verstoßen glückliche Hausfrauen und Mütter, denn wissen die nicht, dass man als Frau heutzutage Karriere machen soll? Und außerdem sind wir alle Lesben und wenn nicht, tun wir so als wären wir’s, denn Männer sind das ‚Böse‘.

Diese Vorurteile über Feministinnen und den Antifeminismus an sich, gibt es allerdings bereits genau so lang wie den Feminismus selbst. Das ist nicht neu. Denn je schlechter der Ruf des Feminismus, desto besser ist es für Personen, die sich in der patriarchalischen Welt wohlfühlen und von ihr profitieren.

Doch entgegen der Erwartung vieler Antifeminist:innen möchten wir nicht, dass Männer Frauen nicht mehr die Türen aufhalten, sondern dass man jeder Person die Tür aufhält und nicht nur einer attraktiven Frau, um ihr im Anschluss auf den Arsch zu starren.

Wir möchten ebenfalls nicht, dass Frauen nicht mehr zuhause bleiben, um sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Wir möchten, dass sich die Frau frei dafür oder eben dagegen entscheidet und beides frei von Vorurteilen und Verurteilung bleibt.

Und zuallerletzt: Wir lieben Männer, wir wollen sie bloß nicht brauchen müssen.

Dieser Beitrag soll keinen weiteren Keil zwischen die Geschlechter treiben. Er soll erklären was es mit dem modernen Feminismus wirklich auf sich hat. Und dafür gibt es zu Anfang die wirklich sehr schöne und auf den Punkt bringende Wikipedia-Definition der Bewegung. (ja, ich weiß):

Feminismus (über französisch féminism abgeleitet von lateinisch femina ‚Frau‘ und -ismus) ist ein Oberbegriff für gesellschaftliche, politische und akademische Strömungen und soziale Bewegungen, die, basierend auf kritischen Analysen von Geschlechterordnungen, aller Menschen jeglichen Geschlechts sowie gegen Sexismus eintreten und diese Ziele durch entsprechende Maßnahmen umzusetzen versuchen.

Aber warum heißt es Feminismus und nicht Equalismus oder Neuterismus, wenn es lediglich um Gleichstellung geht?:

Die Bewegung heißt Feminismus, da sie Gleichberechtigung und Akzeptanz ausgehend von den Bedürfnissen der benachteiligten Gruppe, der Frauen und weiblich gelesenen Personen, fordert. In einer de facto patriarchalischen Kultur, müssen Frauen und weiblich gelesene Personen auf die gleiche gesellschaftliche Stufe geholt werden wie Männer. Klassische und stereotypische Rollenverteilungen sollen kritisiert werden, um eben auch Männern und männlich gelesenen Personen mehr Freiheiten zu bieten.

„Blödsinn, ihr seid doch alle Feminazis.“

Feminazi: Eine Person mit extremen, radikalen Sichtweisen und männerfeindlichen/männerhassenden Tendenzen, die sich Feminist:in nennt und glaubt ihren Aussagen dadurch Relevanz und Glaubwürdigkeit zu schenken, dem Ruf des Feminismus so jedoch erheblich schadet.

In absolut jeder Strömung und Bewegung gibt es extreme Gruppierungen, die den Sinn der eigentlichen Sache falsch verstehen (wollen). Personen verbreiten ihre radikalen Beliefs und sagen Dinge wie #menaretrash und nennen es Feminismus, um dadurch zu suggerieren, dass es okay ist. Es ist nicht okay. Und so sehr ich auch die Wut und Frustration mancher ‚Feminazis‘ verstehen kann, genau so sehr glaube ich, dass diese Wut in Energie umgewandelt und auf die richtige Sache gelenkt werden muss.

Aber Frauen in Deutschland haben doch keine ‚echten‘ Probleme mehr:

Am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen und gewählt werden. Das Frauenwahlrecht, das für uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen schweren Widerstand von Männern und Frauen durchsetzen. (Antifeminismus war also schon immer modern). Da Frauen eine geringere Intelligenz und durch den Besitz eines Uterus eine Bestimmung für das Kinderkriegen im privaten und häuslichen Raum zugeschrieben wurde, galten sie im politischen Bereich als deplatziert.

Der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ wurde allerdings erst am 23. Mai 1949 im Artikel 3, Abs. 2 unseres Grundgesetzes als Verfassungsgrundsatz aufgenommen. Dies galt jedoch lediglich als formale Gleichberechtigung, die noch lange nicht die Realität erreichte, da erst ab dem 1. Juli 1958 das Gleichberechtigungsgesetz galt. Ehemänner hatten jedoch weiterhin die Entscheidungsgewalt darüber, ob ihre Ehefrau berufstätig sein durfte, oder nicht. Erste Aufgabe einer Ehefrau blieb nun einmal die Haushaltsführung und Kindererziehung.

Bis zum Jahr 1959 galt der Stichentscheid des Ehemannes, der ihm erlaubte, Entscheidungen in allen Fragen des gemeinsamen Zusammenlebens zu treffen und erst ab den späten 60er Jahren führten Jugend- und Frauenbewegungen dazu, dass das frauenfeindliche Familienbild im Ehe- und Scheidungsrecht Geschichte waren. Zumindest auf dem Papier. Die Vergewaltigung in der Ehe wurde allerdings erst ab 1997 als eigenen Straftatbestand eingeführt.

Der Weg zur rechtlichen Gleichberechtigung von Männern und Frauen war in Deutschland dementsprechend ein langer und steiniger Weg. Und auch heute, im Jahr 2020, sind Frauen in der Gesellschaft strukturell nicht gleichberechtigt, auch wenn es auf dem Papier so scheinen mag. Laut dem WEF-Forscher Roberto Crotti, hinkt Deutschland vor allem in der Wirtschaft bei der Gleichberechtigung der Geschlechter im Vergleich zu anderen Ländern hinterher. Andere Länder besitzen einen höheren Anteil von Politikerinnen und Frauen in Führungspositionen und obwohl Frauen auf dem Arbeitsmarkt fast gleichberechtigt beteiligt sind, verdienen Männer nach wie vor deutlich besser. Vor allem in neuen und modernen Berufsbildern sind Frauen stark unterrepräsentiert.

Man muss auch im Jahr 2020 erkennen können, dass viele Sachverhalte nicht an individuellen Problemen liegen, sondern dass es nach wie vor strukturelle Nachteile gibt, die mit dem Geschlecht zusammenhängen. Zum Beispiel, dass vor allem alleinerziehende Mütter auf Wohnungssuche kaum eine Chance haben, oder dass bei Frauen im jungen Alter lieber zwei Mal überlegt wird, ob man sie einstellt ‚da sie ja bald Kinder bekommen könnten‘. Um Karriere machen zu können, müssen Mütter immer noch strukturelle Hürden überwinden (Stichpunkt: Angebote zur Kinderbetreuung) und mit gesellschaftlichen Normen klarkommen, die zum Beispiel die eigene Familie oder auch die Nachbarn stellen. Kinderlose Frauen, die Karriere machen, anstatt eine Familie zu gründen, gelten dann als ‚kalt‘ und ‚weniger weiblich‘. Sie würden irgendwann bereuen das große ‚Glück der Mutterschaft‘ abgelehnt zu haben.

Doch natürlich geht es Frauen und weiblich gelesenen Personen in Deutschland vergleichsweise zu anderen (nicht-westlichen) Ländern sehr gut. Und gerade dadurch, dass wir das Privileg besitzen, in Deutschland zu leben, einem Land, in welchem die Sicherheit und das Wohlbefinden von Frauen gefestigt sind, ist es uns möglich, uns mit der Selbstverwirklichung der Frau zu befassen. Der deutsche Weg der Gleichberechtigung der Geschlechter und der heutige Stand dessen, ist die Grundlage dafür, dass sich im modernen Feminismus mit neuen Aufgaben auseinandergesetzt werden kann. Feministische Ansprüche in Deutschland haben sich nun einmal weiterentwickelt und verändert. Heutzutage geht es um die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen.

Frauen und weiblich gelesene Personen sollen sich freizügig anziehen und mit zahlreichen Sexualpartner:innen verkehren dürfen, ohne sexualisiert und geslutshamed zu werden. Sie sollen sich verhüllen dürfen, ohne als unterdrückt zu gelten. Sie sollen Karriere machen dürfen, ohne dadurch weniger weiblich zu wirken. Sie sollen Mutter werden dürfen, ohne als Gebärmaschine bezeichnet zu werden. Und sie sollen Karriere und Kinder verbinden dürfen, ohne als Rabenmutter dargestellt zu werden.

Frau soll einfach frei sein, in ihrer Selbstverwirklichung und den Entscheidungen, die sie trifft.

Doch in anderen Ländern, kann sich damit noch nicht befasst werden. Mädchen und Frauen sind weltweit strukturell in ihren Rechten, ihrer Sicherheit, ihrem Wohlbefinden und ihrem Zugang zur Bildung benachteiligt. Sie sind arm an Chancen und Macht. Sie werden häufiger Opfer sexualisierter Gewalt und sind öfter von extremer Armut betroffen. Die realen und aktuellen und ‚echten‘ weltweiten Probleme der Frau sind Genitalverstümmelung, sexualisierte Gewalt gegen Mädchen, Zwangsprostitution, Sextourismus und Frauenhandel.

Der Feminismus muss anerkennen, dass Solidarität und Unterstützung für Frauen in diesen Ländern notwendig ist. Frauen und weiblich gelesene Personen nicht-westlicher Länder, müssen in ihrem Kampf für die Geschlechtergerechtigkeit ermächtigt werden. Sie brauchen Hilfe, und damit meine ich auch Hilfe und keine ‚Rettung mit Missionierungscharakter‘, denn der Hauptgrund, warum diese Frauen Unterstützung benötigen, ist der, dass westliche Länder ihnen im Rahmen der Kolonialisierung ihre Ressourcen genommen haben, bevor sie sie selbst nutzen konnten.

Die Aufgaben des modernen Feminismus:

Genau so wie sich der Feminismus der modernen Zeit verändert und weiterentwickelt hat, verändert sich auch der Antifeminismus. Es gibt stets den alten ‚Die Welt soll genau so bleiben wie sie ist und das Patriarchat ist gut so‘ – Antifeminismus und eine neue, tückischere Form. Ein Antifeminismus, der sich selbst Feminismus nennt. Denn es gibt Personen, die Fahrlässigkeiten wie ein Sexkaufverbot oder ein Abtreibungsverbot veranlassen wollen, obwohl die weibliche Freiheit dadurch leidet, anstatt zu profitieren. Diese Verbote sind kein Feminismus, denn Feminismus ist der Gedanke, dass Frauen (und auch Männer) die komplette und uneingeschränkte Kontrolle über ihren eigenen Körper haben und alle Entscheidungen diesbezüglich selbst treffen können. Unser Körper ist unser Eigentum. Ein Sexkaufverbot, ein Abtreibungsverbot oder auch der Versuch Sexualpraktiken wie BDSM als frauenfeindlich darzustellen, suggerieren das exakte Gegenteil davon.

Die Aufgaben und Baustellen des heutigen Feminismus müssen sich von diesen frauenfeindlichen Einstellungen und definitiv vom feindlichen Männerbild lösen, da dieser irrsinnige Männerhass die Aufmerksamkeit auf die falsche Sache lenkt, anstatt auf wichtige Probleme unserer Zeit. Solidarität zwischen den Geschlechtern ist von Nöten. Es geht nicht um den alten Geschlechterkampf Mann gegen Frau. Es geht um den Kampf von Menschen gegen die Geschlechterungerechtigkeit.

Der moderne Feminismus schließt Frauen, weiblich gelesene Personen und Personen, die sich als Frau identifizieren, unbedingt mit ein, und zwar unabhängig der Hautfarbe, Religion und sexueller Orientierung. Er kämpft für die Freiheit und Selbstbestimmung aller Frauen, Männer und Menschen jedes Geschlechts. Er muss sich insbesondere auf die Benachteiligung und Diskriminierung von Women of Color, Sexworker:innen und trans Frauen konzentrieren.

Befasst werden muss sich, mit der sexuellen Diskriminierung von und Gewalt gegen Frauen jeglicher Hautfarbe und die totgeschwiegene sexuelle Gewalt gegen Männer und LGBTQ.

Der Feminismus darf kein ‚weißer‘ Feminismus sein und muss die Probleme von Women of Color gerade jetzt in den Vordergrund rücken, da diese Frauen zu gleichen Teilen unter Misogynie UND Rassismus leiden, und dadurch unter einer extremen Doppelbelastung stehen, die nicht mehr geduldet werden darf und priorisiert werden muss.

Last but definitely not least, muss sich mit der strukturellen Diskriminierung von trans Menschen auseinandergesetzt werden. Denn trans Frauen sind Frauen (FCK JKR).

Es muss sich mit dem Recht auf sexuelle, reproduktive und geschlechtliche Selbstbestimmung befasst werden, gesellschaftlich zementierte Rollenbilder aufgelöst und die ’sanfte‘ Gewalt zugewiesener Biografien und Lebensführung verhindert werden. Stereotype müssen erkannt, und Menschen aller Geschlechter, die darunter leiden, müssen davon befreit werden. Denn ein Mann, der lieber zuhause bleiben möchte, um sich um die Kinder zu kümmern und deshalb als ‚kein echter Mann‘ betitelt wird, leidet genauso darunter wie eine Frau, die neben der Kindererziehung Karriere machen will und dadurch zur ‚Rabenmutter‘ wird.

Das ist der Feminismus für den ich stehe und kämpfe.

Wem diese Forderungen immer noch zu radikal sind, dem ist nicht mehr zu helfen. Doch für alle anderen gilt: Feminism is for everyone.